Berlin und Frankfurt) intonierten Ruf „Unter den Talaren / Muff von tausend Jah¬ ren“ hatte man - mehr amüsiert als besorgt - im Radio gehört. Und dass Anfang Juni 1967, als wir uns innerlich schon auf den Romaufenthalt vorbereiteten, bei Demonstrationen gegen den Deutschlandbesuch des Schahs von Persien, Reza Pahlewi"2, der Student Benno Ohnesorg"3 von einem Polizisten erschossen worden war, wodurch nun weitere Demonstrationen in Berlin, Frankfurt und anderen Städ¬ ten ausgelöst worden waren, hatten wir zwar als Anzeichen einer wachsenden Un¬ ruhe in der Gesellschaft, aber nicht als besonderes Menetekel wahrgenommen. Und vom langsamen weiteren Anschwellen der die jüngere Studierendengeneration er¬ fassenden Unruhe auch an der Universität des Saarlandes haben wir, während wir in Rom weilten, nichts erfahren. Ziemlich schockiert waren wir daher, als wir wäh¬ rend einer Sizilien-Reise in den auch am Deutschen Historischen Institut in Rom eingehaltenen Osterferien 1968 zufällig die Nachricht vom Attentat auf den Anfüh¬ rer der studentischen Unruhebewegung, Rudi Dutschke22 24, in Berlin erfuhren und daraufhin in mehreren Großstädten die studentischen Proteste zu regelrechten Stra¬ ßenschlachten mit der Polizei ausarteten. In Heidelberg konnte ich während der ersten Hälfte des Wintersemesters 1968/69 meine Vorlesungen und Seminarübungen ganz problemlos abhalten. Von den Studenten wurde ich wohlwollend wahrgenommen; vielleicht unterschied ich mich in meiner Vortragsart etwas vom vertretenen Ordinarius Professor Peter Clas¬ sen25. Unruhig wurde es erst nach den Weihnachtsferien im Januar 1969. Die Poli¬ zei hatte einige Studenten, die bei irgendeiner Festivität eine Glastür zertrümmert hatten und danach in das Gebäude des Allgemeinen Studentenauschusses (AStA) geflüchtet waren, gewaltsam aus dem Haus geholt. Der Zugriff der Polizei in ei¬ 22 Mohammad Reza Pahlavi (1919-1980): Von 1941 bis zum Sturz durch die islamische Revolution Schah von Persien. 23 Benno Ohnesorg (1940-1967) wurde durch den Westberliner Polizisten Karl-Heinz Kur¬ ras erschossen, der - wie erst später bekannt wurde - auch als inoffizieller Mitarbeiter des DDR-Ministeriums für Staatssicherheit tätig war. Vgl. unter anderem Uwe Timm, Der Freund und der Fremde. Eine Erzählung, Köln 2005 sowie Uwe Soukup, Wie starb Benno Ohnesorg? Der 2. Juni 1967, Berlin 2007. Ohnesorgs Liquidierung wurde zum Fanal der westdeutschen Studentenbewegung. 24 Als führende Persönlichkeit des Sozialistischen Deutschen Studentenbundes (SDS) re¬ präsentierte Rudi Dutschke (1940-1979) in besonderer Weise die 68er Bewegung. Vgl. unter anderem: Gretchen Dutschke, Rudi Dutschke. Wir hatten ein barbarisches, schö¬ nes Leben. Eine Biographie, Köln 1996; Rudi Dutschke - Jeder hat sein Leben ganz zu leben. Die Tagebücher 1963-1979, hg. von Gretchen Dutschke, Köln 2003; Jürgen Miermeister, Rudi Dutschke. Mit Selbstzeugnissen und Bilddokumenten (Rowohlts Monographien 349), Reinbek 1986; Gerd Langguth, Mythos ’68. Die Gewaltphiloso¬ phie von Rudi Dutschke - Ursachen und Folgen der Studentenbewegung, München 2001; Bernd Rabehl, Rudi Dutschke - Revolutionär im geteilten Deutschland (Perspek¬ tiven 6), Dresden 2002. Michaela Karl, Rudi Dutschke - Revolutionär ohne Revolution, Frankfurt/Main 2003; Wolfgang Kraushaar, Rudi Dutschke und der bewaffnete Kampf, in: Rudi Dutschke, Andreas Baader und die RAF, hg. von Wolfgang Kraus¬ haar, Karin Wieland und Jan Philipp Reemtsma, Hamburg 2005. 25 Prof. Dr. Peter Classen (1924-1980). Vgl. dazu die bio-bibliographische Übersicht Peter Classen, in: Der Konstanzer Arbeitskreis für mittelalterliche Geschichte (wie Anm. 2), S. 91-96. Ferner die Angaben bei Dagmar Drüll, Heidelberger Gelehrtenlexikon 1933- 1986, Berlin 2009, S. 148-149. 585