Zeit seines Besuches — trotz der von ihm als ohrenbetäubend empfundenen Geräu¬ sche - noch ein vergleichsweise idyllischer Ort, und es lässt sich trefflich darüber spekulieren, welche Eindrücke Goethe gewonnen hätte, hätte er den gleichen Ort ein Jahrhundert später besucht. 1770 störte das eher an eine Manufaktur denn an eine Fabrik erinnernde Ensemble aus Schmelzhütte, Ofen und Hammerwerk mit zwei, drei Dutzend Arbeitern den noch sehr ländlichen Eindruck ebenso wenig, wie es am Kohlwald die obere Schmelzhütte tat; Nieder- und Oberneunkirchen wa¬ ren kleine Dörfer mit einer nur nach Hunderten zählenden Einwohnerschaft. Sechs Jahre nach Goethes Stippvisite an der Blies sollte dann die Blaupause für den Auf¬ stieg der industrielf-kaptitalistischen Wirtschaftsweise und ihren weltweiten Sie¬ geszug erscheinen, Adam Smiths Abhandlung „The Wealth of Nations“, die zu¬ gleich ein neuartiges Naturverständnis propagierte. Der erste Theoretiker des Kapitalismus versprach, dass die technologische Be¬ herrschung der Erde allen ein besseres, rationaleres und effizienteres Leben ermög¬ lichen würde, konnte oder wollte die lokalen und globalen Schattenseite dieser Herrschaft allerdings (noch) nicht sehen. Heute ermöglicht insbesondere der reich¬ haltige Aktenbestand des ehemaligen Neunkircher Eisenwerkes zum einen die Re¬ konstruktion der im frühen 19. Jahrhundert einsetzenden Belastung der Blies mit Schadstoffen, die den Fluss von Neunkirchen abwärts im Lauf von etwa hundert Jahren zur stinkenden Kloake werden ließen. Zum andern kann dieser Bestand schlaglichtartig einige der - meist erfolglosen - Protest- und Widerstandsaktionen der Bliesanlieger gegen die drohende Zerstörung ihrer landwirtschaftlichen Nutz¬ flächen und ihrer Gesundheit beleuchten. Die Empörung der Menschen an den Ufern der Blies, die jahrzehntelang mit nie eingelösten Versprechungen einer um¬ fassenden Verbesserung vertröstet worden waren, entlud sich schließlich in den sogenannten „Blies-Prozessen“, die in den Jahren 1928-1934 vor dem Landgericht Saarbrücken und dem Obersten Gerichtshof des Saargebiets in Saarlouis gegen das Neunkircher Eisenwerk, die Stadt Neunkirchen und die die Bergwerksverwaltung als Hauptverursacher der Verschmutzung angestrengt wurden. Zurück zur Entwicklung der Neunkircher Hütte: Im Jahre 1806 erwarben die Gebrüder Stumm von der französischen Regierung das Eisenwerk10. Entscheidend 10 Die Darstellung der industriellen Entwicklungsgeschichte und der Neunkircher Stadtge¬ schichte stützt sich im wesentlichen auf: Heinz Gillenberg, Neunkirchen - vom Meyer¬ hof zur Stadtkern-Erweiterung, Neunkirchen o. J.; Ders., Spurensuche. Unterwegs durch das alte Hüttengelände, Neunkirchen 1995; DERS., Technikgeschichte der Neunkircher Hütte, in: Neunkircher Stadtbuch (wie Anm. 8), S. 127-146; Fünfviertel Jahrhundert Neunkircher Eisenwerk und Gebrüder Stumm, Mannheim 1935; 400 Jahre Eisen und Stahl aus Neunkirchen, hg. von der DHS - Dillinger Hütte Saarstahl AG, Dillingen 1993; Helmut Frühauf, Eisenindustrie und Steinkohlebergbau im Raum Neunkir¬ chen/Saar, Trier 1980; Neunkirchens Geschichtszahlen, in: Saarheimat 2,1 (1958), S. 14- 17; Ludwig Martin, Neunkirchens Siedlungsraum und der Gang der Besiedlung, in: Un¬ sere Heimat. Blätter für saarländisch-pfälzisches Volkstum, Jg. 1936/37, Heft 7, S. 198- 203; Bernhard Krajewski, Geschichte und Entwicklung Neunkirchens, in: 700 Jahre Neunkirchen. Ein geschichtlicher Rückblick aus Anlass der 700jährigen Wiederkehr der urkundlichen Erstnennung Neunkirchens 1281, hg. vom Organisationsausschuss für das Stadtfest, Neunkirchen 1981, S. 3-53; Helmut Frühauf, Neunkirchens Siedlungs¬ entwicklung in der Industrialisierung, in: Neunkircher Stadtbuch (wie Anm. 8), S. 95- 118; Joachim Jacob, Auf dem Weg zur Stadt. Neunkirchen im Industriezeitalter, in: 375