Verschmutzung der Blies, bei denen das Neunkircher Eisenwerk eine exponierte Rolle spielte. Das andere greift Auseinandersetzungen um Schädigungen auf, die von der zweiten saarländischen Leitindustrie, dem Steinkohlebergbau, verursacht wurden, und macht deutlich, dass sich Kohlenabbau und Bergschäden nicht erst im 21. Jahrhundert politisch instrumentalisieren ließen. 2. „Unser Schwarzes Flüsschen“: Wasserkonflikte und Wasser¬ verschmutzung im Raum Neunkirchen vom frühen 19. Jahr¬ hundert bis zur Rückgliederung des Saargebietes in das Deut¬ sche Reich Der Reiselust des gerade einundzwanzigjährigen Studenten Johann Wolfgang Goe¬ the ist die erste Beschreibung der „Industriekultur“ zwischen Saar und Blies zu verdanken. Im Sommer 1770 wanderte Goethe mit zwei Kommilitonen von Saar¬ brücken durch das Sulzbachtal nach Neunkirchen und besichtigte unterwegs unter anderem die Dudweiler Alaun- und die Friedrichsthaler Glashütte. Gegen Abend gelangten sie nach Neunkirchen, wo ihnen die funkenwerfenden Essen ihr lustiges Feuerwerk entgegenspielten. Wir betraten bei tiefer Nacht die im Talgrunde lie¬ gende Schmelzhütten, und vergnügten uns an dem seltsamen Halbdunkel dieser Bretterhöhlen, die nur durch des glühenden Ofens geringe Öffnung kümmerlich er¬ leuchtet werden. Das Geräusch des Wassers und der von ihm getriebenen Blase¬ bälge, das fürchterliche Sausen und Pfeifen des Windstroms, der, in das geschmol¬ zene Erz wütend, die Ohren betäubt und die Sinne verwirrt, trieb uns endlich hin¬ weg, um in Neunkirchen einzukehren, das an den Berg hinaufgebaut ist* *. Goethes Schilderung lässt erahnen, dass der Besuch der Hütte für den jungen Studenten eine durchaus ambivalente Erfahrung war: Auf der einen Seite schildert er mit fast kindlicher Begeisterung das vergnügliche Erlebnis des Feuerwerks der Funken und den Kontrast zwischen dem Dunkel der Nacht und dem Glühen des Schmelzofens. Auf der anderen Seite scheint ihn die damit verbundene Geräusch¬ kulisse fast ein wenig zu ängstigen, so dass er betäubt und verwirrt die Sicherheit des angrenzenden Ortes Neunkirchen sucht. Goethe stand dem beginnenden In¬ dustrie- und „heraufdämmemden Maschinenzeitalter“ mit sichtbarer Skepsis ge¬ genüber, er huldigte nicht dem technischen Fortschritt und der Velofizierung, „der allumfassenden Beschleunigung des Lebens“9. Jener Talgrund der Blies war zur s Johann Wolfgang GOETHE, Dichtung und Wahrheit, 2. Teil, 10. Buch, in: Ders., Sämtli¬ che Werke, Bd. 8, München 1977, S. 459; zit. nach: Armin Schmitt, Literarhistorische Anmerkungen, in: Neunkircher Stadtbuch, hg. im Auftrag der Kreisstadt Neunkirchen von Rainer Knauf und Christof Trepesch, Ottweiler 2005, S. 661-674, hier S. 66If. * Vgl. dazu Schmitt, Literarhistorische Anmerkungen {wie Anm. 8), S. 661. - Goethes Kritik der Beschleunigung findet sich im Übrigen in den Schriften Paul Virilios wieder, der die Geschwindigkeit als das Macht- und Verwüstungsinstrument der Moderne identi¬ fiziert, da jedwede technologische Entwicklung letztlich immer der Beschleunigung dient. Virilio diagnostiziert den „rasenden Stillstand“ einer Gesellschaft, die zwar Raum und Zeit mit hochtechnologischer Präzision beherrscht, aber an ihrer eigenen Auslö¬ schung arbeitet, da die Erhöhung der Geschwindigkeit immer auch ein Akt der Gewalt ist. Vgl. Paul Virilio, Revolutionen der Geschwindigkeit, Berlin 1993, und Ders,, Ra¬ sender Stillstand, Frankfurt/Main 41997. 374