Von schwarzen Flüssen und versinkenden Dörfern. Plädoyer für eine umwelthistorische Erweiterung der saarländischen Regionalgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts Peter Wettmann-Jungblut und Ludwig Linsmayer 1. Umweltgeschichte: Zur Genese eines jungen Forschungsfeldes Seit den 1980er-Jahren hat die deutsche Geschichtswissenschaft - mit immer noch steigender Tendenz - eine Vielzahl von Arbeiten hervorgebracht, die an amerika¬ nische Pionierstudien der 1960er-Jahre anknüpften und der Disziplin Historische Umweltforschung oder Umweltgeschichte zugerechnet werden. Der sehr stark in¬ terdisziplinär ausgerichteten Disziplin mangelt es, trotz des scheinbar eindeutigen Präfixes „Umwelt“, nach wie vor an einem exakt definierten Forschungsgegen¬ stand. Da sich fast „alle Bereiche gesellschaftlichen Lebens [...] aus umwelthisto¬ rischer Perspektive analysieren“ lassen1, scheint das fehlende thematische und me¬ thodische Profil zumindest einen Teil der Attraktivität dieses Forschungszweiges auszumachen. Umweltgeschichte untersucht auf lokaler, regionaler oder globaler Ebene die Geschichte der Natur - Klima, Wetter, Flora und Fauna oder „Naturka¬ tastrophen“ -, die von Epoche zu Epoche differierenden gesellschaftlichen Natur¬ bilder, die Beziehungen zwischen dem Mensch und seiner Umwelt oder die norma¬ tiven Regelungen des Umgangs mit der Natur qua Umweltrecht und -politik, aber auch soziale Konflikte um „Umweltgüter“ oder die Geschichte der jüngeren Um¬ weltbewegungen selbst, die in den politisch-gesellschaftlichen Auseinandersetzungen um Natur- und Umweltschutz geboren wurden. Umweltgeschichte ordnet sich nach Joachim Radkaus Definition aus dem Jahr 1990 ein „in die Erforschung der langfris¬ tigen Entwicklung der menschlichen Lebens- und Reproduktionsbedingungen.“ Sie untersucht einerseits, wie der Mensch in der Vergangenheit durch seine natürliche Umwelt beeinflusst wurde, anderseits, wie und mit welchen Folgen der Mensch selbst diese Umwelt beeinflusst hat. „Dabei gilt ihre spezifische Aufmerksamkeit un¬ beabsichtigten Langzeitwirkungen menschlichen Handelns, bei denen synergetische Effekte und Kettenreaktionen mit Naturprozessen zum Tragen kommen“2. Uwe Luebken, Undiszipliniert: Ein Forschungsbericht zur Umweltgeschichte, in: H-Soz- u-Kult, 14.07.2010, URL: http://hsozkult.geschichte.hu-berlin.de/forum/2010-07-001. Joachim Radkau, Was ist Umweltgeschichte?, in: Umweltgeschichte. Umweltverträgli¬ ches Wirtschaften in historischer Perspektive. Acht Beiträge (Geschichte und Gesell¬ schaft, Sonderheft 15: Umweltgeschichte), hg. von Werner Abelshauser, Göttingen 1994, S. 11-28, hier S. 20. Vgl. ferner aus der Vielzahl wichtiger Veröffentlichungen: The Ends of the Earth. Perspectives on Modern Environmental History, hg. von Donald Worster, Cambridge-New York 1988; Umweltbewältigung. Die historische Perspekti¬ ve, hg. von Gerhard Jaritz und Verena Winiwarter, Bielefeld 1994; Umweltgeschichte heute: Neue Themen und Ansätze der Geschichtswissenschaft - Beiträge lur die Umwelt- Wissenschaft (Environmental History Newsletter, Special Issue Nr. 1), hg. von Christian Simon, Mannheim 1993; The Silent Countdown. Essays in European Environmental His¬ tory, hg. von Peter Brimblecombe und Christian Pfister, Berlin-Heidelberg 1990; Franz-Josef Brüggemeier und Thomas Rommelspacher, Blauer Himmel über der Ruhr. 371