Wörter der Editionsbände wurden aber häufig dazu genutzt, direkte und indirekte Aussagen zum eigenen Geschichtsverständnis zu machen. Darüber hinaus erlaubt die jeweilige Quellenauswahl Rückschlüsse auf die vorherrschende Geschichtsauf¬ fassung. Sehr deutlich wird insgesamt, wie stark sich Mitgliederstrukturen auf die Auswahl der Themen auswirkten. Gesellschaften mit einem hohen Klerikeranteil hatten einen starken kirchengeschichtlichen Schwerpunkt. Vereine in denen, wie in Dresden oder München, der Adel dominierte, legten besonders viele Arbeiten über die Geschichte der regionalen Aristokratie vor. Im Geschichtsverständnis dieser Vereine herrschte sowohl in Deutschland, als auch in Frankreich, England oder Italien Übereinstimmung bezüglich der bevor¬ zugten Epoche. Ihre Mitglieder beschäftigten sich fast ausschließlich mit dem Mit¬ telalter und der Frühen Neuzeit, dabei konzentrierten sie sich auf jene Zeiträume, in denen die eigene Stadt oder Region eine herausragende Rolle spielte. Neben den zentralen Epochen der größten Macht- und Prachtentfaltung schufen die Vereine lokale Identitäten ebenfalls, indem die berühmten Taten bedeutender Persönlich¬ keiten, eigentlich immer Männer, erzählt, gefeiert und verklärt wurden. Es darf aber nicht der Eindruck entstehen, dass sie in der Mehrheit den neuen Nationalstaa¬ ten gegenüber völlig ablehnend gegenüber gestanden hätten, dezidierte Partikula- risten lassen sich nach dem jetzigen Forschungsstand nur vereinzelt nachweiserf2. Wenn die Vereine sich auch ganz bewusst auf die Erforschung ihrer regionalen Geschichte konzentrierten, haben sie doch in den letzten Jahrzehnten des 19. und zu Beginn des 20. Jahrhunderts zumindest versucht, die eigene Geschichte in eine nationale einzubinden. Dies geschah nach folgenden Mustern: Erstens wurde im¬ mer wieder betont, dass ohne eine gründliche Erforschung der regionalen Ge¬ schichte überhaupt keine nationale geschrieben werden könne, und zweitens wurde herausgestellt, dass die eigene regionale Vergangenheit besonders wichtige Bau¬ steine zur nationalen Geschichte geliefert hätte. Zudem habe man ohnehin im di¬ rekten Vergleich zu den Nachbarstaaten mehr und Besseres für das Vaterland ge¬ leistet. Beide Argumentationsmuster verfolgten ein Ziel, nämlich die eigene parti¬ kulare Bedeutung der Region zu stärken und zumindest in der Kulturpolitik gegen¬ über dem übermächtigen Preußen eigene markante Profile und Identitäten aufzu¬ bauen. Dabei wurden im Kaiserreich aufgrund der föderalistischen Grundstruktur, wo Kulturpolitik Ländersache war, kulturelle Differenzen nicht abgebaut sondern gefördert. So unterstützten in den deutschen Ländern die regierenden Landesfürs- ten kulturelle Autonomiebestrebungen besonders nachdrücklich^3. Kommen wir zum ersten Interpretationsmuster, demzufolge ohne eine grundle¬ gende Erforschung der kleineren Einheiten überhaupt keine Geschichte des Vater¬ landes geschrieben werden könne. Die deutschen Vereinshistoriker sind sich in diesem Punkt mit denen anderer europäischer Regionen einig. Zitiert sei Hubert Ermisch, der 1894 behauptete, dass nur derjenige Verständnis für die allgemeine Da wäre etwa der Archivar Otto Beneke aus dem Hamburger Verein zu nennen, der aus seinem Partikularismus keinen Hehl machte; vgl. Joist Grolle, Das Hamburgbild in der Geschichtsschreibung des 19. Jahrhunderts, in: „Heil über dir, Hammonia“: Hamburg im 19. Jahrhundert. Kultur, Geschichte, Politik, hg. von Inge Stephan und Hans-Gert Win¬ ter, Hamburg 1992, S. 17-47, S. 28f. Vgl. zum teilweise erheblichen Erfolg, mit dem sich die deutschen Einzelstaaten kulturell zu behaupten vermochten: Dieter Langewiesche, Nation, Nationalismus, Nationalstaat in Deutschland und Europa, München 2000, S. 73. 347