über den Leidenden (v. 38ff.). Ganz ungewöhnlich und eigentlich der Hagiographie, den Leben der sancti Vorbehalten ist die Befreiung und der Loskauf von Gefangenen (v. 44ff.). Die gepriesene Tote rückt in die Nähe der sancti; so können ihr auch Marienprädikate ver¬ liehen werden: raine frucht (v. 37), hochgeteurtes [carissima] tilgende chlait (v. 59), vrewdenreiches tams regen (v. 67). Noch einmal wird der Leib beklagt (v. 54ff.), der stets im hohen muote, in der magnanimitas lebte und nach Ehren strebte. Angerufen wird mit initialem „O“ (v. 59, 62) das Tugend¬ kleid, der Ehrenkranz, den sie trug, angerufen die „Ritterschaft“, die sie rühmte, deren Glanz sie war. Wieder ist es die Fürstin, deren Aufgabe es ist, Tugend und Ehre zu reprä¬ sentieren, die Erhaltung der Ritterschaft zu garantieren, ihr den Glanz zu geben, dessen sie bedürftig ist. Im dritten Teil, nach den similitudines, die durch marianische Prädikatisierung, durch Zu¬ schreibung heiliger Taten an die tote Fürstin vorbereitet wurden, wird Maria als Seelen¬ pflegerin selbst angerufen (v. 68ff.), die Hörer werden in die Bitte um Fürbitte bei Maria eingezogen (v. 85f.): Der pite gotes muter chlar, Da% dort ir se/e wol gevar. („Der bitte Gottes lichte Mutter, dass es ihrer Seele im Jenseits wohl ergehen möge“). Und — Zeugnis der hohen Kunst, die Suchenwirt entfaltet - erst ganz am Schluss wird der Name der toten Fürstin, den doch alle schon in der aktuellen Situation der memoria kennen müssen, offenbart, so dass sich die Spannung von Wissen um die Person einer¬ seits und Wissen um die noch ausstehende zeremonielle Anrufung der Person andererseits beim Publikum lösen kann (v. 87ff.): 0 edelen graefinn von Holant, 1 rair Margret mit nam genant, Din chaysrinn Komisch^ reiches, Nie wart so tugentleiches! Phleg deiner Seigeist, vater, christ, Der ye waggol und immer ist! („Oh edle Gräfin von Holland, mit Namen Herrin Margarethe genannt, Kaiserin zugleich des Römischen Reiches, nie lebte jemand, so reich an Tugenden! Nimm ihrer Seel dich an, [Heiliger] Geist, Vater, Christus, der seit ewig Gott war und immer ist“). Bemerkenswert ist, dass die Sei, mit Majuskel geschrieben, als Person gedacht wird und in einer Näheformel mit „Du“ angeredet wird. Wie jedes ernste Genre, das seinen Sitz in der Gesellschaft hat, hat auch die Ehrenrede ihr Satyrspiel, in dem die eben noch gravitätisch zelebrierten Werte verlacht werden kön¬ nen. Peter Suchenwirt hat eine solche Parodie auf eine Ehrenrede selbst inszeniert”6, in der er einen Helden, nicht eine Heldin, vorführt, bei dem nur eines zu loben ist: die Konse¬ quenz, in der er Ignoranz und Faulheit verbindet (v. 8ff.): 26 Friess: „Fünf unedierte Hhrenreden“ (wie Anm. 12), S. 118-122, Nr. V. Vgl. Weber: Peter Suchenwirt (wie Anm. 12), S. 11; van d’Elden: „The Ehrenreden“ (wie Anm. 1), S. 96; Nolte: Luanda post mortem (wie Anm. 1), S. 113. 381