schließlich ihr selbst) aus sieben Damen zusammengesetzten kunne (v. 241), d.h. „Ge¬ schlecht, Verwandtschaft“ - man bemerke das in die Allegorie eingeschmolzene genealo¬ gische Bewusstsein des Adels: es sind Trum („Treue“ - fides), Milde („Freigebigkeit“ = libe¬ ra Utas) , Manheyt („Tapferkeit“ = fortitudo), Demüyt humilitas), Warheyt (— veritas) und Stede („Beständigkeit“ = constantia), die, in völliger Auflösung höfischen Seins und höfischer Freude, eine nach der andern den Verlust ihrer Geltung, ihrer Existenzberechtigung in ri¬ tuell mit „Owe“ und „Ach“ reich garnierten Planctus ausgiebig beklagen. Stets wiederkeh¬ rend ist von einem He, einem verstorbenen „Er“, die Rede, der alle diese Tugenden und die Ehre am Leben erhielt, über sie verfügte, sie feierte und dessen Tod höfische Ehre und Tugend in den Abgrund stürzte. Auch sie aber offenbaren den Namen des hohen To¬ ten nicht, sondern verweisen ihn auf einen van Surie (Syrien) ... kunsten riehen heyden (v. 326f), einen sarazenischen Astronomen, der mit seinem astrolahio in den Sternen lesen kann, wie in Wolframs ,Parzival‘ der Heide Flegetanis6 und daran anknüpfend beim Tu¬ gendhaften Schreiber, gerade in der Totenklage um einen verstorbenen Landgrafen von Thüringen, ein Sternenkundiger . Dieser astronimus weiß nun auch aus den lüffen derplane- ten, aus den Planetenläufen also (v. 363), die Herkunft des toten Fürsten zu erschließen, der ein Aquös ist, d.h. aus dem Geschlecht der von Avesne (Dép. Nord) stammt, zugleich ein Aquitain („Aquitanier“), und zugleich den Namen des hogelofden herein/: us Hollantgreve wilhelm. Der Heide erfragt nun vom Dichter, dem Herold, die wapin dieses herre van veir lan¬ den, die dieser bereitwillig, in vollendeter Wappenblasonierkunst beschreibt, worauf der kunstferüge Sarazene verspricht, um der wirdicheit des hohen Toten willen die Wappen in Gold zu schmieden und mit Edelsteinen zu schmücken. Die Ehrenrede auf Wilhelm III. ist in einer letzten Endes aus der Bibliothek des rheini¬ schen Grafengeschlechts von Blankenheim stammenden, von einer Hand der 2. Hälfte des 14. Jahrhunderts weitgehend einheitlich niedergeschriebenen Sammelhandschrift ent¬ halten, welche mit der (niederdeutschen) ,Sächsischen Weltchronik' beginnt, mit Fabeln, der Ehrenrede, einem Gedicht über die Jagd nach der Minne', Sprüchen, Wappendich- tung, Minnesang fortfährt und mit Gottfrieds von Straßburg ,Tristan' (N) und seiner Fortsetzung durch Ulrich von Türheim endetf Diese Zusammenstellung von Historie, höfischer Minnedichtung und Wappenkunst vermag das literarische Interesse zu spiegeln, das einer solchen Ehrenrede wie der auf Wilhelm 111. von Holland (mit der ersten deut¬ schen Wappenblasonierung überhaupt) auch nach dem unmittelbaren Anlass der Ob¬ sequien und Memorialfeiern noch zukommen konnte. Zu der schon erwähnten Quelle des ,Wartburgkrieges', die auch einen ähnlichen Kata¬ log von sieben trauernden und fürbittenden Damen (hier für den Landgrafen von Thürin- 6 Eschenbach, Wolfram von: Parpval (453, 23ff.). Nach der Ausgabe Karl Lachmanns revidiert und kom¬ mentiert von Eberhard Neilmann, übertragen von Dieter Kühn, Bd. 1, Frankfurt a.M. 2006, S. 751 f.; Bd. 2, S. 666-668; Vgl. Strohschneider, Peter: „Sternenschrift. Textkonzepte höfischen Erzählens“, in: Wolf¬ ram-Studien 19 (2006), S. 33-58. Darauf weist bereits F. v. d. Hagen (wie Anm. 5) hin. Vgl. nun zum Tugendhaften Schreiber und der im ,Wartburgkrieg' enthaltenen ,Totenfeier' Kornrumpf, Gisela: „Der Tugendhafte Schreiber“, in: Die deut¬ sche Ateratur des Mittelalters. \ erjasserlexikon, 2. Aufl., Bd. 9 (1995), Sp. 1138-1141, bes. Sp. 1140 (mit Fit.). s Vgl. Anm. 5. 371