Deutschsprachige Preis- und Ehrenreden auf fürstliche Frauen des späten Mittelalters im Umkreis Ludwigs des Bayern Wolfgang Haubrichs Frauen zu preisen war in der Vergangenheit und ist wohl auch in der Gegenwart eine dankbare Aufgabe. Wenn ich nun doch meinen Vortrag mit der Behandlung einer Ehren¬ rede auf einen Fürsten, nicht auf eine Fürstin beginne, so gehorche ich damit einem sach¬ lichen Zwang, zugleich freilich auch die Hoffnung instrumentierend, dass sich alsbald eine geziemende Steigerung einstellen werde. Im Jahre 1337 hat der Sprecher und (nach dem Zeugnis des französischen Chronisten Froissart) Herold Gelre, der sich nach dem flämischen Namen seines Auftraggebers, des Herzogs von Geldern, nannte1 *, eine Preis- und Ehrenrede auf den frisch verstorbenen Grafen von Holland verfasst, die später in sein ,Wapenboek‘ einging. Ein sicherlich eben¬ falls in Kontakt mit dem niederländischen Hof stehender niederrheinischer Autor schrieb zum gleichen Anlass eine Totenrede „Van dem greve(n) va(n) Hollant“, die sowohl einem eigenwilligen Aufbau folgte als auch strukturbildend für das Genre wurde. Gegenstand war der unlängst verstorbene, die Grafschaft Holland in der Vereinigung mit Friesland, Seeland und Hennegau (frz. Hainaut) zu größter territorialer Entfaltung gebracht habende Graf Wilhelm III., der sich vielleicht der Abstammung von den aquitanischen Wilhelmi- den und damit auch vom in französischen Chansons de Geste und von Wolfram von Eschenbach in seinem heroischen Roman ,Willehalm4 S. gefeierten Guillaume d’Orange, dem hl. Wilhelm von Gellone rühmen konnte. Eine altfranzösische Totenklage hatte Wil¬ helm Jean de Conde gewidmet, so dass man von umfangreichen Bemühungen seines Hauses um Publizität ausgehen darf, an denen die Familie, vor allem die Kinder Wilhelm IV. und Margarethe, Gemahlin Kaiser Ludwigs des Bayern, zweifellos Anteil hatten. Der vorgenannte Gelre hatte dann seit 1339 eine feste Position am Hofe der Herzoge von Geldern inne . Er muss jedoch davor und gleichzeitig weitere bedeutsame Beziehun¬ 1 Vgl. zu Gelre Bouton, Victor (Hg.): Wapenboeck ou Armorial de 1334 à 1372 ... précédés de poésies héraldiques par Gelre, héraut d'armes, Paris / Bruxelles 1881 [dort als Nr. X die Rede auf Wilhelm 111. von Holland]; Sup¬ plément, Paris 1890; Riegel, Karl: „Ein Fragment einer unbekannten Handschrift von Gelres Wapen- boek“, in: Tijdschrift voor Nederlandsche Taal- en Getterkunde 5 (1885), S. 17-48; Beelaerts van Blokland, W.A.: Beyeren quondam Gelre armorum rex de Ruyris, s’Gravenhage 1933; Rosenfeld, Hellmut: „Nordische Schild¬ dichtung und mittelalterliche Wappendichtung“, in: Zeitschrift für Deutsche Philologie 61 (1936) S. 232-269, hier S. 248-252; Ders.: „Gelre (eigentlich Heynen)“, in: Die deutsche Uteratur des Mittelalters. Verfasserlexikon, 2. Aull., Bd. 2 (1979), Sp. 1186-1187; van d’Elden, Stephanie C.: „The Ehrenreden of Peter Suchenwirt and Gelre“, in: Beiträge %ur Geschichte der deutschen Sprache (Tübingen) 97 (1975) S. 88-101; Nolte, Theodor: Lauda post mortem. Die deutschen und niederländischen Ehrenreden des Mittelalters, Frankfurt a.M. / Bern 1983, S. 115-126, 182-186; van Anrooij, W.: Spiegel van ridderschap, Héraut Gelre en fjn ereredes, Amsterdam 1990, S. 56-67. 2 Zu in fürstlichen Diensten stehenden Herolden, Sprechern (auch segghers genannt) im niederländischen und rheinischen Raum, z.B. a. 1326 Albrecht oppen Berge, een héraut met een dienstmansgoed vgl. Jonckbloet, W.J.A.: Geschiedenis der middennederlandse Dichtkunst, Bd. 3, Amsterdam 1855, S. 595-604; van Winter, Jo¬ hanna Maria: Ministerialiteit en Ridderschap in Gelre en Zutphen, Groningen 1962, S. 154f.; Peters, Ursula: „Herolde und Sprecher in mittelalterlichen Rechnungsbüchern“, in: Zeitschrift für deutsches Altertum 105 369