4. Fazit An den behandelten Beispielen aus den vier Elisabeth von Nassau-Saarbrücken zuge¬ schriebenen Werken, die sich leicht vermehren ließen — man denke nur an die zahlreichen weiteren Auftritte Weißblumes in "Loher und Maller und Huge Scheppel -, ist ein dezidiertes Interesse an den Facetten der Herrscherinnenrolle unverkennbar. So werden anhand der Figur Weißblumes unterschiedlichste Konstellationen, sei es kritisch, exemplarisch oder auch humorvoll, durchgespielt. Diese Figur bildet gleichsam einen impliziten Herrsche- rinnen-Diskurs ab, der schon deshalb für die zeitgenössischen Saarbrücker Rezipienten von Interesse gewesen sein muss, da ihre Fürstin zur Entstehungszeit der ihr zugeschrie¬ benen Werke als Witwe das Land regierte. Nimmt man die zahlreichen vorbildlichen adeligen Frauenfiguren im Werk Elisabeths in den Blick, so zeichnet sich das Bild einer im Idealfall mit ihrem Partner zusammenwir¬ kenden Herrscherin ab. Mit Gottes Hilfe muss aber auch eine Fürstin auf sich allein ge¬ stellt tatkräftig zu handeln in der Lage sein. Lind sollte der Herrscher einmal ,mit seinem Latein am Ende‘ sein, kann es der Fürstin auch zufallen, in seinem Beisein eine verfahrene Situation zu retten, wie in der Anfangsszene des Herpin, als die sich vor König Karl aus¬ drücklich zu ihrem Gatten bekennende Herzogin Adelheid ihren Mann durch einen Knie¬ fall vor dem Tode bewahrt (vgl. Herpin fol. 3'-4t). Das besondere Augenmerk einer Herr¬ scherin liegt aber auch stets auf der aktiven Vertretung der Interessen ihrer (männlichen) Nachkommen. So kann festgestellt werden, dass die in der mittelalterlichen Theologie propagierte Sicht einer passiven, rezeptiven weiblichen Anthropologie* 2' unter Elisabeths Herrscherinnenfiguren keine Belege findet. Elisabeths profilierte Herrscherinnengestalten bleiben in den Werken deutscher Dichte¬ rinnen des Mittelalters und der frühen Neuzeit allerdings einmalig. Zieht man zum Ver¬ gleich den ebenfalls im 15. Jahrhundert entstandenen deutschen Pontus und Sidonia- RomanJl heran, welcher der Herzogin Eleonore von Österreich zugeschrieben wird, so ergeben sich markante Unterschiede: Bereits die Zuweisung an Eleonore in der Vorrede der Augsburger Druckfassung (A1 1483), nach der sie ihre Übersetzung aus dem Franzö¬ sischen als Gefälligkeit für ihre Gatten angefertigt haben soll,2 wirkt förmlicher und un¬ konkreter als jene Angaben, die Frau Ava und Elisabeth von Nassau-Saarbrücken in Ge¬ nerationen übergreifender Perspektive als Bearbeiterinnen familienrelevanter Stoffe be- 25 Vgl. Bußmann, Magdalena: „Die Frau - Gehilfin des Mannes oder eine Zufallserscheinung der Natur?“, in: Bea Lundt (Hg.): Auf der Suche nach der Frau im Mittelalter. Fragen, Quellen, Antworten, München 1991, S. 117-133. 26 Benutzt wird die folgende Ausgabe: Volksbücher vom sterbenden Rittertum (Deutsche Literatur. Sammlung literarischer Kunst- und Kulturdenkmäler in Entwicklungsreihen, Reihe Volks- und Schwankbücher 1). Heinz Kindermann (Hg.), Leipzig 1928, S. 115-236, 2 „Welche hvstori die durchleüchtig vnd hochgeporn fraw, fraw Heleonora, geporne künigin auß schotten¬ land, ertzhertzogm zü Österreich, löblich von frantzosischer Zungen in tcütsch getranßferiert un gemacht hat dem durchleuchtigen hochgepornem fürsten vnd herren, herren Sigmunden ertzhertzog zü Österreich etc. jrem eelichen gemahel czü lieb vnd zü geuallen“ (Reinhard Hahn: , Von französischer gungen in teütsch \ Das literarische Feben am Innsbrucker Hof des späteren 15. Jahrhunderts und der Prosaroman ,Pontus und Sidonia (A)‘ (Mikrokosmos 27], Frankfurt am Main 1990, S. 75£). 366