Bevor Huge an den Pariser Hof kommt, hat er in seinen wilden Jahren das Herz mancher Fürsten- und Bürgerstochter gebrochen — sie alle bringen, als Huge längst weiter gezogen ist, einen Sohn zur Welt. Bei der Verteidigung der Stadt Paris finden sich diese zehn unehelichen Söhne ein, und als Huge sie der Königin vorstellt, staunt sie nicht schlecht, dass es unter Huges Erstgeborenen keine Töchter gibt (vgl. Huge fol. 23r).20 Auch an dieser Stelle ist implizites herrscherliches Orientierungswissen in die Textge¬ staltung eingeflossen. Mit Recht hat die Forschung andererseits darauf hingewiesen, dass hinter dem Profil einiger Protagonistinnenfiguren Elisabeths auch legendennahe fiand- lungsmuster stehen," zumal sich die Heldinnen auf ihren Leidenswegen stets im Einklang mit dem göttlichen Willen sehen. Auffälligerweise ist aber diese Typik in Elisabeths Wer¬ ken mit der Aufgabe der Herrscherin, die Erbfolge zu sichern, verbunden. Sibille — um nur ein Beispiel zu nennen — unterscheidet sich von der Titelfigur der Crescentia-Legende dadurch, dass sie mit dem legitimen Thronerben schwanger ist, als sie der Untreue bezich¬ tigt wird. Es geht also bei Elisabeths Herrscherinnenfiguren nicht nur um die Integrität einer gottesfürchrigen Ehefrau, sondern maßgeblich auch um die Sicherung einer Dynastie. Die Aufgabe der Fürstin als Bewahrerin der gottgewollten Ordnung lässt sich insbe¬ sondere an den Taten der Herzogin Adelheid im Herpin~~ ablesen, die — ebenfalls als Schwangere — die Heimat verlassen und im Laufe der Handlung männliche Rollen an¬ nehmen muss. Ute von Bloh, die diese Thematik ausführlich untersucht hat,"’ erklärt die in Elisabeths Werken mehrfach erfolgenden Verkleidungen weiblicher Figuren einleuch¬ tend mit der Gefahr, der sie während der Trennung von ihren Männern ausgesetzt sind. Allerdings reicht eine solche Deutung nicht aus, um Szenen wie den Riesenkampf, den die Herzogin Adelheid in männlicher Rüstung besteht, sowie die daraus resultierenden Folge¬ kämpfe Adelheids zu erklären: Als Adelheid verkleidet am Königshof von Toledo die Arbeit eines Küchenknechts verrichtet, erhält sie im Traum von Gott die freudige Nachricht, dass Herzog Herpin und ihr Sohn am Leben sind. Zu¬ gleich erteilt er ihr den Auftrag, einen gefährlichen Riesen zu töten. Mit Gottes Hilfe zerstückelt sie ihn im Zweikampf (Abb. 9-11) und reißt ihm zuletzt die Zunge aus dem Rachen. Als daraufhin ein heidnischer Ritter dem König den Kopf des Riesen präsentiert und beteuert, er habe den Riesen getö¬ tet, legt die Herzogin/der Küchenknecht dem König die Zunge vor. Da der Ritter behauptet, die Zunge sei ihm entwendet worden, muss die Herzogin/der Küchenknecht auch ihn im Zweikampf be¬ siegen, was erneut mit Gottes Hilfe gelingt. Der Riese und der lügnerische Ritter sind Heiden, und als das Heer der Heiden zum Rachefeldzug anrückt, muss sich die Herzogin auch in der Feldschlacht als Heidenkämpferin bewähren (vgl. Herpin fol. 20vff.). 20 Vgl. dazu Haug: „Huge Scheppel“ (wie Anm. 17), S. 193. 21 Vgl. Liepe, Wolfgang: Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Entstehung und Anfänge des Prosaromans in Deutschland,, Halle/Saale 1920, S. 177-180; vgl. außerdem Gaebel: Chansons degeste (wie Anm. 4), S. 31, die darauf auf¬ merksam macht, dass Elisabeth auch „keineswegs vor der Darstellung betrügerischer Frauen zurück¬ schreckt“. 22 Benutzt wird die folgende Ausgabe: Historie von Hergog Herpin. Übertragen aus dem Französischen von Elisabeth von Nassau-Saarbrücken. Heidelberg Universitätsbibliothek, Cod.Pal.Germl52 (Codices illuminati medii aevi 17). FarbmikroBche-Edition. Literarhistorische Einführung und Beschreibung der Handschrift von Ute von Bloh, München 1990. 23 Vgl. von Bloh: „Gefährliche Maskeraden“ (wie Anm. 4). 363