lustrieren vermag.55 Dazu gälte auch genauer zu differenzieren zwischen Privatbesitz und Gemeinschaftsbesitz, was ein nicht zu vernachlässigender Faktor sein dürfte, der eine erheb¬ liche Differenzierung in der Bewertung des Kulturniveaus eines Klosters spielt.56 Obgleich die weitaus größte Anzahl von Büchern in Frauenklöstern sich aus liturgischen und anderen geistlichen Werken zusammengesetzt haben wird, entdeckt man doch immer wieder Abweichungen davon. Während ich bereits auf das St Katharinenthaler Schmstembuch eingegangen bin, möchte ich zuletzt noch das Wienhäuser Uederbuch und das Hbstorfer Lieder¬ buch berücksichtigen, die uns außerordentliche tief greifende Einblicke in Frauenklöster als Literaturzentren des Spätmittelalters ermöglichen können. Das Wienhäuser Uederbuch enthält 59 Lieder und eine Reimprosa. Von den Liedern wurden 17 auf Lateinisch geschrieben, während die anderen das Niederdeutsch gebrauchen bzw. sich auf eine lateinisch-niederdeutsche Mischsprache stützen. Auch die Reimprosa bedient sich gleichzeitig der zwei Sprachen, während die 35 niederdeutschen Lieder zumindest einen latei¬ nischen Refrain einsetzen. 15 der Lieder werden von Noten begleitet, was einen beträchtli¬ chen Gewinn für uns bedeutet. Zwar wissen wir nicht, wer dieses Liederbuch zusammenge¬ stellt hat, wir können aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass mehrere Schreiberinnen daran beteiligt waren, unter denen sich, was jedenfalls auf die Lieder Nr. 13 und 25 zutrifft, auch die Äbtissin Katharina von Hoya (gest. 1474) oder ihre Sekretärin befand.07 Während aus religionsgeschichtlicher Sicht die Beobachtung Relevanz besitzen dürfte, dass sich in dieser Liedersammlung deutlich der Einfluss der Devotio modema bemerkbar machte,08 55 Eine negative Einschätzung bietet Opitz, Claudia: „Erziehung und Bildung in Frauenklöstern des hohen und späten Mittelalters, 12.-15. Jahrhundert“, in: Elke Kleinau (Hg.): Geschichte der Mädchen- und Frauenbildung, Bd. 1: I rom Mittelalter bis %ur Aufklärung,, Frankfurt a. M. / New York 1996, S. 63-77. So auch Schreiner, Klaus: „Benediktinischc Klosterreform als zeitgebundene Auslegung der Regel. Geistige, religiöse und soziale Er¬ neuerung in spätmittelalterlichen Klöstern Südwestdeutschlands im Zeichen der Kasdcr, Melker und Bursfel¬ der Reform“, in: Blätter für württembergische Kirchengeschichte 86 (1986) S. 105-195; wesentlich differenzierter sieht es Meuthen, Flrich, auch wenn er sich kaum explizit auf Frauenbildung bezieht: „Zur europäischen Klerusbil¬ dung vom 14. bis 16. Jahrhundert“, in: Wolfgang Harms / Jan-Dirk Müller (Hg.): Mediävistische Komparatistik. Festschriftfür Fran% Josef Worstbrock gum 60. Geburtstag, Stuttgart / Leipzig 1997, S. 263-294. So stellt er fest: „Nicht also den Verzicht auf Bildung, sondern ihre sich auf das Individuum konzentrierende Abgrenzung, wie sie die Devotio moderna in het hoekje met het boekje realisierte“ (S. 291), fügt dem aber sogleich hinzu: „im Grunde denn doch wohl eine Bildungsreduktion auf das für den Menschen allein Notwendige,,Nützliche4 (hier haben wir’s also wieder)“ (S. 29 lf.). 56 Marti: Malen, Schreiben und Beten (wie Anm. 12), S. 73-78; sie bietet auch Beispiele aus dem Clarissenkloster San Francesco in Bologna, S. 259. 57 Diese Informationen übernehme ich von meiner früher vorgelegten Untersuchung: Classen:,Mein seelfang an gu singen‘ (wie Anm. 7), S. 25-27. Vgl. dazu Alpers, Paul: „Das Wienhäuser Liederbuch“, in: Niederdeutsches Jahrbuch LXIX/LXX (1943/1947) S. 1-40; siehe dazu seine Edition: Das Wienhäuser Liederbuch. Bearbeitet von Paul Alpers (o.O. und o. J.), und: Das Wienhäuser Liederbuch. Heinrich Sievers (Hg.), Wolfenbüttel 1954; mitt¬ lerweile liegt auch eine Neuausgabe vor: Das Wienhäuser Uederbuch. Peter Kaufhold Hg.) (Kloster Wienhausen 6), Wienhausen 2002. 58 Vgl. dazu Rehm, Gerhard: Die Schwestern vom gemeinsamen Üben im nordwestlichen Deutschland: Untersuchungen gur Geschichte der Devotio modema und des weiblichen Religiosentums (Berliner Historische Studien 11 / Ordensstudien 5), Berlin 1985; Kock, Thomas: „Theorie und Praxis der Laienlektüre im Einflußbereich der Devotio mo¬ derna“, in: Thomas Kock / Rita Schlusemann (Hg.): IMenlektüre und Buchmarkt im späten Mittelalter (Gesell¬ schaft, Kultur und Schrift: Mediävistische Beiträge 5), Frankfurt a. M. / Berlin 1997, S. 199-220. 343