3, Kunst, Literatur und Bibliotheken in Frauenklöstern Selbst auf die Gefahr hin, mittlerweile Eulen nach Athen zu tragen, besteht die Absicht mei¬ ner folgenden Darlegungen darin, primär spätmittelalterliche Frauenklöster als wichtige Zen¬ tren der Kultur- und Literaturproduktion und der entsprechenden Vermitdung in weiten Kreisen vorzustellen, wobei natürlich das Problem bei der Auswahl von und Konzentration auf bestimmte Institutionen besteht. Indem ich aber nicht den Anspruch erhebe, hier einen flächendeckenden Ansatz zu verfolgen, sondern nur repräsentative Beispiele herausgreife und zusammentrage, welche Erkenntnisse wir in den letzten Jahren gewonnen haben, hoffe ich doch, eine Schneise in das Dickicht zu schlagen und Grundlagen für die zukünftige For¬ schung zu schaffen.10 11 Dabei können wir besonders von den Erkenntnissen in der Kunstge¬ schichte profitieren, wo schon seit einiger Zeit entschieden die pejorative Bedeutung von ,Nonnenarbeit' oder ,Nonnenmalerei' zurückgewiesen worden ist, weil es sich keineswegs immer und überall um naive, provinzielle, schwärmerische oder grobschlächtige Kunstwerke handelte. Wie Jeffrey Elamburger überzeugend postuliert: lnstead of supplying coherent categories, Kleines Andachtsbild and Nonnenarbeit dehne dumpinggrounds for images, often made by and for women, with which art history would rather not be bothered [...]. Pigeon- holed as examples of populär imagery, Nonnenarbeit and Kleine Andachtsbilder sink below the horizon of art- historical regard to remain the concern of pious collectors or the chroniclers of 1 ölkskundeA Darin pflichtet ihm vollkommen Susan Marti bei, die sogar davor warnt, „dass mit den modernen Kategorien von Kunstwerken und Künstlern viele mittelalterliche Phänomene nicht zu fassen sind, in besonders hohem Masse dann, wenn Fragen der Geschlechterver¬ hältnisse mitbetroffen sind.“12 Diese Beobachtungen implizieren, dass wir mit erheblich größerer Vorsicht in der Beurtei¬ lung von religiösen Werken, seien sie visueller, seien sie schriftlicher Art, Vorgehen müssten, bevor wir sie adäquat im Kontext ihrer Zeit beurteilen können. Zwar wäre kaum davon aus¬ zugehen, eines Tages eine Dichterin in einem mittelalterlichen Kloster zu entdecken, die etwa einem Gottfried von Straßburg oder Wolfram von Eschenbach das Wasser zu reichen in der Lage gewesen wäre — warum jedoch eigentlich nicht? bzw. welche Kriterien wären dafür überhaupt zu berücksichtigen? —, aber schon ein solcher Vergleich führt uns auf Abwege, die die spezifischen Lern- und Produktionsbedingungen nicht ausreichend in Betracht ziehen, Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 72), München 1980; Bauer, Christian: Geistliche Prosa im Kloster Tegernsee (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittel¬ alters 107), Tübingen 1996; Fechter, Werner: Deutsche Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts aus der Bibliothek des ehemaligen Augustinerchorfrauenstifts Ingigofen (Arbeiten zur Landeskunde Hohenzollerns 15), Sigmaringen 1997; Schiewer, Hans-Jochen: „Literarisches Leben in dominikanischen Frauenklöstern des 14. Jahrhunderts: Das Modell St. Katharinental bei Diessenhofen“, in: Falk Eisermann / Eva Schlotheuber / Volker Hone¬ mann (Hg.): Studien und Texte gur literarischen und materiellen Kultur der Frauenklöster im späten Mittelalter. Ergebnisse eines Arbeitsgesprächs in der Herzog August Bibliothek Wolfenbüttel, 24.-26. Februar 1999 (Studies in Medieval and Reformation Thought 99), Leiden 2004, S. 285-309. 111 Siehe zuletzt den Sammelband: Fromme Frauen — unbequeme Frauen (wie Anm. 3). 11 Hamburger, Jeffrey F.: N uns as Artists. The Visual Culture of a Medieval Convent, Berkeley / Los Angeles / Lon¬ don 1997, S. 4. 12 Marti, Susan: Malen, Schreiben und Beten. Die spätmittelalterliche Handschriftenproduktion im Doppelkloster Engelberg, Zürich 2002, S. 247. 333