2. Forschungsüberblick Weder der Überblick zu höfischen Autorinnen durch Ursula Liebertz-Grün noch derjenige zu den geistlichen Autorinnen vom frühen Mittelalter bis zum 12. Jahrhundert durch Wiebke Freytag in der großen von Gisela Brinker-Gabler herausgegebenen Publikation Deutsche Lite- raturvon Dräuen (1988) wird diesem Thema gerecht, wenngleich zumindest Liebertz-Grün in einem weiteren Kapitel die frauenmystische Literatur des 13. und 14. Jahrhunderts berück¬ sichtigt.4 Obwohl die feministische Forschung schon lange vorher und insbesondere seit den späten 80er Jahren erheblich weiter in die Tiefe gegangen ist und dementsprechend einige der bereits genannten Dichterinnen/Autorinnen beträchtlich an Respekt gewonnen haben, sei es Flildegard von Bingen, sei es Mechthild von Magdeburg,5 sind wir bis heute kaum über die Ergebnisse hinausgelangt, die bereits 1934 Lotte Traeger in ihrer Prager Dissertation und 1984 Peter Dronke in seiner grundlegenden Arbeit Women Writers ofthe Middle Ages vorgelegt haben.6 * Erst jüngst sind allerdings eine recht große Zahl von weltlichen und religiösen Lie¬ dern aus dem Spätmittelalter bekannt geworden, von denen wir hinsichtlich der ersten Grup¬ pe zumindest vermuten, hinsichtlich der zweiten sicher ausgehen können, dass sie von Frau¬ en verfasst wurden. Allerdings braucht uns dies nicht gar so zu überraschen, veränderten sich ja sowieso seitdem 15. und 16. Jahrhundert erheblich die sozial-ökonomischen und lite- rar-kulturellen Bedingungen für Frauen, und dies sowohl zum Besseren als auch zum Schlechteren hin.8 Was wir jedoch vorläufig über die künstlerische und literarische Produkti¬ on von Frauen im Mittelalter wissen, bezieht sich weitgehend auf individuelle, hervorragende Figuren, die ein so außerordentliches Ansehen genossen, dass es wie eine Selbstverständlich¬ keit wirkt, so wichtige Werke aus ihren Federn zu besitzen, während die Welt des Klosters zumindest aus literarhistorischer Sicht wesentlich weniger in die Betrachtung einbezogen worden ist. Die Gründe dafür liegen auf der Hand, bestanden ja die meisten Klosterbiblio¬ theken aus liturgischer, biblischer und paränetischer Literatur.9 4 Brinker-Gabler, Gisela (Hg.): Deutsche Literatur von Frauen, Bd. 1: I rom Mittelalter bis zum Ende des 18. Jahrhun¬ derts, München 1988. Vgl. dazu: Gnüg, Hiltrud / Möhrmann, Renate (Hg.): Frauen, Literatur, Geschichte: schrei¬ bende Frauen vom Mittelalter bis zur Gegenwart. 2., völlig rev. und erw. Aufl., Stuttgart 1999, wo weitgehend exakt die gleichen Informationen, ja auch identischen Texte abgedruckt werden. 3 Die Forschung zu Hildegard ist mittlerweile so groß angewachsen, dass es hier ausreichen mag, auf eine Bi¬ bliographie zu verweisen: Hildegard von Bingen. Internationale wissenschaftliche Bibliographie unter Verwendung der Hil¬ degard-Bibliographie von Werner Lauter (Quellen und Abhandlungen zur mittelrheinischen Kirchengeschichte 84). Marc-Aeilko Aris / Michael Flmbach (Hg.), Mainz 1998. Zu Mechthild siehe jetzt: Poor, Sara S.: Mechthild of Magdeburg and Her Book. Gender and the Making of Textual Authority (The Middle Ages Series), Philadelphia 2004. 6 Traeger, Lotte: Das Frauenschrifttum in Deutschland von 1500-1650. Dr. phil. Prag 1934; Dronke, Peter: Women Writers of the Middle Ages. A Critical Study of Texts from Perpetua (f203) to Marguerite Porete (f1310), Cambridge 1984. Classen, Albrecht: Deutsche Frauenlieder desfünfzehnten und sechzehnten Jahrhunderts. Authentische Stimmen in der deut¬ schen Frauenliteratur der Frühneuzeit oder Vertreter einer poetischen Gattung (das Frauenlied?). Einleitung, Edition und Kommentar von Albrecht Gassen (Amsterdamer Publikadonen zur Sprache und Literatur 136), Amster¬ dam / Atlanta 1999; Gassen, Albrecht:,Mein Seel fang an gu singen'. Religiöse Frauenlieder des 15.-16. Jahrhunderts. Kritische Studien und Textedition, Leuven / Paris / Sterling, VA 2000. * Siehe dazu meine Untersuchungen in: Late-Medieval German Women's Poetry. Secular and Religious Songs. Translated from the German with Introduction, Notes and Interpretive Essay (Library of Medieval Women), Cambridge 2004. Ringler, Siegfried: Viten- und Offenbarungsliteratur in Frauenklöstem des Mittelalters. Quellen und Studien (Münchener 332