Spätmittelalterliche Frauenklöster im deutschsprachigen Raum als Zentren der Literaturproduktion, Kulturvermittlung und Lehre Albrecht Classen 1. Mittelalterliche Frauenklöster als politische und kulturelle Knotenpunkte Bedenkt man die Möglichkeiten, die Frauen in einem mittelalterlichen Kloster zur Verfügung standen, erscheint diese, von den Reformatoren so gerne verdammte und verteufelte Institu¬ tion als höchst faszinierendes Kultur- und Literaturzentrum, wo, natürlich abgesehen vom re¬ ligiösen Kult und Ritus, nicht nur Stickereien, Webereien und andere meist typisch weibliche Handarbeiten durchgeführt wurden, sondern im Grunde das gesamte Spektrum an Kunsttä¬ tigkeiten und literarischer Produktion praktiziert wurde, auch wenn dies bisher in der For¬ schung nur ansatzweise so wahrgenommen wurde.1 Die berühmten Dramen der Roswitha von Gandersheim (ca. 935-ca. 975)2 legen genauso gut beredtes, und zwar sehr frühes, eine Tradition bildendes Zeugnis davon ab wie die sehr späten, unglaublich beeindruckenden Wandmalereien im Nonnenchor des Zisterzienserinnenklosters Wienhausen bei Celle aus dem Spätmittelalter. In der traditionellen, aber auch in der neueren Kultur- und Literaturge¬ schichtsschreibung hat man jedoch weiterhin genau diesen außerordentlichen fruchtbrin¬ genden Bereich, wo mittelalterliche Frauen die besten Betätigungsfelder für ihre Kreativität und intellektuellen Fähigkeiten vorfanden, nur relativ wenig, und dann nur in Spezialstudien konsultiert. Durch ihre oftmals engen Verbindungen zu den herrschenden Familien ließen sich Frau¬ enklöster außerdem als wichtige Knotenpunkte in dem breit gefächerten politischen Kom¬ munikationsnetz identifizieren, was ich hier aber bloß konstatieren, nicht hingegen umfang¬ reich darlegen möchte. Während sie im frühen und hohen Mittelalter oftmals in enger Zu¬ sammenarbeit mit den herrschenden Dynastien fungierten, oder von diesen an erster Stelle gegründet worden waren, entwickelten sich im Spätmittelalter vielfache Konflikte und kam es häufiger zu veritablen Kämpfen zwischen den Klosterfrauen und den Herzogen, was dann in der Reformationszeit geradezu dramatische Formen annahm.3 1 Smith, Lesley: „Scriba, Femina: Medieval Depictions of Women Writing“, in: Lesley Smith / Jane H. M. Tay¬ lor (Hg.): Women and the Book. Assessing the Visual Evidence, Toronto / Buffalo 1997, S. 21-44. ln ihrem breit angelegten Überblick erwähnt Ferrante, Joan M.: To the Glory oj Her Sex. Women's Boles in the Composition of Me¬ dieval Texts (Women of Letters), Bloomington / Indianapolis 1997, eine erstaunlich große Anzahl von schrei¬ benden Frauen, geht aber nicht auf die Welt der Klosterfrauen ein. 2 Hrotsvit of Gandersheim. Contexts, Identities, Affinities and Performances. Phyllis R. Brown / Linda A. McMillin / Katharina M. Wilson (Hg.), Toronto / Buffalo / London 2004. 3 Faust, Ulrich: „Die Frauenklöster in den benediktinischen Reformbewegungen des hohen und späten Mittel¬ alters“, in: Edeltraud Klueting (Hg.): Fromme Frauen - unbequeme Frauen? Weibliches Keligiosentum im Mittelalter (Hildesheimer Forschungen 3), Hildesheim / Zürich / New York 2006, S. 127-142; Schmidt, Hans-Joachim: „Widerstand von Frauen gegen Reformen“, in: Edeltraud Klueting (Hg.): Fromme Frauen - unbequeme Frauend Weibliches Keligiosentum im Mittelalter (Hildesheimer Forschungen 3), Hildesheim / Zürich / New York 2006, S. 143-180. 331