1428 verstarb und im dortigen Dom St. Martin, für den sie eine Kapelle gestiftet hatte, ’1 bestattet wurde. Abschließend ist folgendes festzuhalten: Die in neueren Arbeiten zum Thema ,Kultur¬ transfer4 und zur Rolle hochadliger Damen und Fürstinnen gestellte Frage nach den Un¬ terschieden im Umgang und ,Gebrauch von Literatur im spätmittelalterlichen Adel4 ’1 zwi¬ schen Männern und Frauen wird meist dahingehend beantwortet, dass keine geschlechts¬ spezifischen Unterschiede erkennbar werden. " Das hier vorgelegte Material bestätigt diese Einschätzung, ln der Zeit Karls IV. stehen die religiösen Interessen deutlich im Vorder¬ grund. Das zeigen die Auftragsarbeiten der Elisabeth von Mähren und die Bücher Annas, wobei letztere wohl nicht nur auf die Inhalte schaute, sondern ein Vergnügen an den sprachlichen Varianten der Evangelientexte entwickelt haben könnte. Unter König Wenzel IV. vergrößerte sich der bibliophile Bestand auf den böhmischen Burgen. Neben der von ihm in Auftrag gegebenen, kunstvoll ausgestalteten deutschen Bi¬ bel, der religiösen Gebrauchsliteratur und dem theologischen Schrifttum, wird nun aber auch wieder ein stärkeres literarisches Interesse sichtbar. Die unter Wenzel entstandene Willehalm-]:landschrift 1 und der für Sophie belegte tschechische Alexanderroman als bi¬ bliophile Bindeglieder zwischen dem premyslidischen und dem luxemburgischen Hof ste¬ hen vielleicht pars pro toto. Eine präzise Vorstellung über die Bildung der Frauen am Prager Hof lässt sich freilich nicht gewinnen — das war auch nicht zu erwarten gewesen. Aber es gibt doch vereinzelte Einblicke in die Lesepraxis und die damit verbundenen Interessen. Diese waren vornehm¬ lich religiös geprägt und motiviert und lassen sich konkretisieren und differenzieren. Denn Anna von Böhmen und Sophie von Bayern ging es nicht nur — wie das für Elisa¬ beth von Mähren zu vermuten ist — um Frömmigkeitsübungen. Anna und Sophie vollzie¬ hen darüber hinaus den Schritt von ihrer Lektüre hin zu einer gezielten praktischen Um¬ setzung dessen, was sie lesen. Sie befassen sich mit Büchern, die nicht nur religiös fundiert sind, sondern auch eine unmittelbare und aktuelle politische Brisanz haben. Sie lesen die Bücher und ziehen daraus politische, kirchliche und gesellschaftliche Schlussfolgerungen. Sie handeln gemäß dessen, was sie lesen, aber natürlich auch von verschiedenen Seiten zu hören bekommen. Das erfordert einen reflektierten Umgang mit den Texten. Sophie tritt für Jan Hus und die hussitischen Reformer ein und stellt sich gegen die rö¬ mische Kirche und ihre Vertreter. Sie tut das als eine gekrönte und gesalbte Königin, für die bei der Krönung am 15. März 1400 die Hilfe Gottes erfleht wurde, damit sie — wie einst Judith und Esther — mit Klugheit, Mut und Entschlossenheit handle und das ihr an¬ vertraute Volk in rechter Weise regiere und beschütze. 93 Zu den kirchlichen Bauten und Süftungen Sophies sowie der Kapelle in Pressburg vgl. Fajt/Drake Boehm: „Herrschaftsrepräsentation“, in: Fajt (Hg.): KarlIV. (wie Anm. 12), S. 477 mit Nennung der ein¬ schlägigen Literatur. 94 So der Titel von Spieß: „Zum Gebrauch von Literatur“ (wie Anm. 11). 93 Rogge: „Töchter“ (wie Anm. 73), S. 251 f.; Signori: „Bildung“ (wie Anm. 11), S. 147, für die französischen Fürstenhöfe des 15. Jahrhunderts. % Wien, ÖNB Cod. Ser. n. 2643; Schmidt, Gerhard: „König Wenzels Willehalm“, in: Fajt (Hg.): Karl IV. (wie Anm. 12), Kat.-Nr. 158, S. 489f. 330