denn der liebe Mann, der jetzt an die achtzig Jahre zählt, wird nicht lange leben ohne mich, die ich fünfundvierzig bin.'’3 Indem Geburon die rührenden Worte der Frau, die nicht aus frevelhafter Lust sondern liebevoller Fürsorge bei ihrem inzwischen gealterten Liebhaber bleiben will, im Wortlaut anführt, nimmt er ebenfalls eine Sympathielenkung vor. So erscheint auch sie als Opfer, wenn die Königinnen ihr nunmehr Vorhaltungen machen und schließlich einen Vertreter der kirchlichen Gerichtsbarkeit herbeizitieren, der sie bei Wasser und Brot ins Gefängnis steckt: Ihr könnt euch denken, wie die Damen sich zurückhalten konnten! Jede machte ihr die heftigsten Vorstellungen [...]. Um sie noch ärger zu demüdgen, ließen sie den guten Erzdiakon von Autun kom¬ men, der sie für ein Jahr zu Gefängnis bei Wasser und Brot verurteilte.53 54 Im Gegensatz zu der sechzigsten Novelle nimmt die Geschichte insofern einen guten Ausgang, als der vom Archidiakon streng gerügte Domherr sich sogleich reuevoll von sei¬ ner Geliebten trennt, und der Ehemann seine ebenfalls alles bereuende Ehefrau aus dem Gefängnis holt und in Gnaden wieder bei sich aufnimmt. Obwohl Marguerite im Raum der Erzählung selbst zu den Damen gehört, die der Frau strengste Vorhaltungen machen, und die sie durch den Archidiakon bestrafen lassen, wird auch in dieser Novelle auf der Ebene der Narration eine Sympathielenkung zu Gunsten des Opfers dieser ,königlichen Gerichtsbarkeit4 betrieben. Diese eindeutige Parteinahme setzt sich aber hier in der Rahmenhandlung fort. Keine andere als ausgerechnet die porte- parole Marguerites im Raum der Fiktion, nämlich Parlamente, ergreift die Partei der Frau, wenn sie in der folgenden Diskussion ausführt: „Zudem glaube ich, das arme Geschöpf besserte sich eher infolge der Kerkerhaft und der Gewißheit, ihren Domherrn nicht Wie¬ dersehen zu können, als dank allen Vorhaltungen, die man ihr machen konnte.“33 In den Augen Parlamentes ist die von den Königinnen gedemütigte Frau eine ,pauvre créature4, die die endgültige Trennung von dem geliebten Mann und das Gefängnis schließlich in die Knie zwang. Im Raum der Fiktion vermag Marguerite de Navarre ihre eigenen Handlun¬ gen als politischer Funktionsträger aus der Perspektive Parlamentes wahrzunehmen und kritisch zu reflektieren. Ein besonders eindrucksvolles Beispiel dieser Form der reflektierten Selbstinszenierung findet sich in der letzten Novelle des unvollendet gebliebenen Werks. Hier wird die Ge¬ schichte einer einfältigen Nonne erzählt, die von ihrem ,prieur4 unter Vorspiegelung fal¬ scher Tatsachen verführt und geschwängert worden war. Da das Kloster ihre Anklage des 53 S. 660 der deutschen Ausgabe. „Je vous supplie, mes dames, que voulez garder que l’on ne touche poinct à mon honneur, car, Dieu mercy! j’ay vescu avec monsieur le chanoine si bien et si vertueusement, qu’il n’y a personne vivant qui m'en sceut reprendre. [...] Et, qui nous séparera fera grand péché, car le bon homme, qui a bien près de quatre vingtz ans, ne vivra pas longuement sans moy, qui en ay quarante cinq“ (S. 375). 54 E,bd. „Vous povez penser comme à l’heure les dames se peurent tenir; et les remonstrances que chascun luy feit [...] Fit, pour l’humillier plus fort, envoierent quérir le bon archediacre d’Authun, qui la comdemna d’estre en prison ung an, au pain et à Feaue“ (S. 375f.). 55 S. 661 der deutschen Ausgabe. „Encores je croy que la pauvre créature se chastia plus que la prison et l’opinion de ne plus veoir son chanoyne, qu’elle ne feit pour remonstrances qu’on luy eut sceu faire“ (S. 376). 309