Marguerite de Navarre zwischen Herrschaft und Kunst Patricia Oster Zwischen Herrschaft und Kunst — besser könnte man die Position der Fürstin und Erzäh¬ lerin Marguerite de Navarre nicht charakterisieren. Sehr genau illustriert die von Herrn Ott kommentierte Illumination aus dem Gebetbuch der Maria von Burgund1 3 die Span¬ nung zwischen einer Machtstellung in der Öffentlichkeit und einer privaten Existenz, die Marguerite de Navarre als Schriftstellerin aus der Distanz betrachtet: Man sieht eine Da¬ me allein im privaten Raum an einem Fenster lesend, das Fenster aber öffnet sich auf den Chorraum einer großen Kathedrale, in der dieselbe Dame nunmehr im öffentlichen Raum mit ihrem Hofstaat gezeigt wird. An die Stelle eines kleinen Hündchens, das den privaten Raum kennzeichnete, ist ein repräsentatives Windspiel getreten, das zu ihren Füßen liegt. Man könnte fast spekulieren, dass sich das Fenster auf das Imaginäre der Dame öffnet, die sich selbst im öffentlichen Raum reflektiert. Ist die traditionelle Rolle der Herrscherin im Hinblick auf die Kunst oft die einer Mäzenin, so wird das Verhältnis von Herrschaft und Kunst im Fall von Marguerite de Navarre (1492-1549) gewendet, sie ist selbst Künstlerin und schafft sich im Raum der Fiktion einen Rahmen, um ihre eigene Macht¬ stellung zu reflekderen. Unter den Bedingungen der Kunst, unter den Bedingungen der ästhedschen Freiheit, verzichtet sie auf die Herrschaft.“ Marguerite de Navarre hatte als Tochter von Karl von Orléans und Schwester von François d’Angoulême, der 1515 als François Fr auf den französischen Thron gelangte, eine bedeutende machtpolidsche Stellung. Mit der Thronbesteigung ihres Bruders, dem sie sehr nahe stand, wurde sie mit ihrer Mutter Luise von Savoyen zur mächdgsten Frau Frankreichs. Um ihren Bruder, der nach der verlorenen Schlacht von Pavia (1525) als Ge¬ fangener von Karl V. festgehalten wurde, zu befreien, reiste sie selbst als Unterhändlerin nach Madrid. Häufig vertrat sie bei offiziellen Anlässen ihre Schwägerin. Sie heiratete 1509 den Herzog von Alençon und nach seinem Tod Henri d’Albret, den König von Na¬ varra. Sie lebte überwiegend am französischen Hof, zeitweise aber auch in Nérac und in Pau, wo sie einen eigenen Flof von höchster intellektueller Brisanz unterhielt. Sie be¬ herrschte sieben Sprachen, protegierte die Reformbewegung und förderte Intellektuelle im Umkreis der Reformation, unter andern Clément Marot, Bonaventura des Périers, Jean Calvin und François Rabelais.1 Zugleich ist sie aber auch die Autorin einer bedeutenden Novellensammlung, die unter dem Titel L’Heptamrvn bekannt wurde. Wie stellt sich die¬ ser fiktive Raum des Novellenerzählens zwischen Herrschaft und Kunst dar? Bestimmt eine Rhetorik der Macht die Narration oder distanziert sich die Autorin von ihrer Rolle als 1 Vgl. dazu den Beitrag von Norbert Ott in diesem Band, S. 17-55, hier Abb. 8, S. 33. 2 In abgewandelter Form wurde dieser Aufsatz bereits unter dem Titel „Marguerite de Navarre. Souveraine et Parlamente“ in dem von Roland Galle und Rudolf Behrens herausgegebenen Band Konfigurationen der Macht in der Frühen Neuheit (Heidelberg 2000) publiziert. 3 Vgl. in diesem Zusammenhang die ausführliche Bibliographie von Pierre Jourda: Marguerite de Navarre. Duchesse d'Alençon, Keine de Navarre (1492-1549). Etude biographique et littéraire (Bibliothèque littéraire de la Renaissance 5), 2 Bde., Paris 1930, Bd. 1. 295