Dienern und der Erziehung der Kinder zu. Der Anspruch scheint so selbstverständlich, dass er keiner weiteren Erläuterung bedarf. Auch die vielen Verweise auf das gottgefällige Leben haben mehrere Facetten. Sie ste¬ hen scheinbar ganz im Einklang mit der Tradition. Auf den zweiten Blick zeigt sich aber, dass in ihnen bereits das Bild eines Menschen aufscheint, dessen Frömmigkeit sich in ei¬ nem ,direkten1 Kontakt zu Gott äußert. Diese scheinbar gegensätzlichen Perspektiven bestimmen auch Annes öffentliches Auf¬ treten und bilden so noch einmal das individuelle Substrat von Annes Erziehungslehre. Auf der politischen Bühne hat sie als Regentin für die territoriale Einheit Frankreichs ge¬ kämpft, die das Fundament der neuen nationalen Einheit des Königreiches bildet. Als Herzogin aber hat sie die traditionelle, im Grunde durch ihre eigene Politik als Regentin überholte Eigenständigkeit ihres Herzogtums mit allen Mitteln verteidigt/ Ihr Bild auf dem von ihr und ihrem Mann gestifteten Altar in Moulins zeigt sie als Stifterin kniend und zu Maria betend, aber auch als standesbewusste Herzogin. Der prächtige Altar zeugt — ebenso wie die ganze neu gestaltete Kirche von Moulins — nicht nur vom Glauben, son¬ dern ebenso vom weltlichen Machtanspruch. Annes Politik und ihre Enseignements markieren so sehr deutlich die Schwelle zwi¬ schen Tradition und Neuerung. Ihr Entwurf einer idealen Adligen wie auch ihre eigene politische Tätigkeit zeigen dabei sicher das Maximum an Eigenständigkeit und Macht, das eine Frau Ihrer Epoche erreichen konnte. 53 Das Herzogtum wird 1527, fünf Jahre nach Annes Tod, aufgelöst. 294