Die Enseignements der Anne de France zwischen Tradition und individueller Lebenserfahrung Brigitte Burrichter Anne de France, Herzogin von Bourbon, schrieb 1504 oder Anfang 1505 Ratschläge für ihre damals 13-jährige Tochter Susanne nieder.' Als Grund gibt sie die „parfaicte amour naturelle que j’ai ä vous, ma fille“ an, die perfekte Mutterliebe zu ihrer Tochter. Außere Anlässe für die Enseignements waren wohl zum einen der Tod von Susannes Vater, Pier¬ re de Beaujeu. Anne spricht ausdrücklich davon, dass ihr eigener Tod sie daran hindern könnte, Susanne weiter zu begleiten und sie ihr deshalb ihre Ratschläge schriftlich hinter¬ lassen möchte." Zum anderen markiert Susannes bevorstehende Hochzeit1 * einen Ein¬ schnitt im Verhältnis von Mutter und Tochter. Anne entwirft in ihren Enseignements ein Idealbild der adligen Frau, das bei genauer Lektüre signifikant von den traditionellen Frauenlehren abweicht und auf ein Frauenbild verweist, das von Annes eigenen Lebenserfahrungen geprägt ist. Auf den ersten Blick allerdings entspricht es weitgehend dem traditionellen Frauenbild: Die adelige Frau ist ein Spiegel für alle anderen Frauen und muss deshalb die weiblichen Tugenden besonders rein verkörpern. Sie muss — und dies ist im Grunde genommen die Quintessenz der Tradition — ein gottgefälliges Leben führen,4 sich stets beherrschen, im- 1 Der Text wurde in einem einzigen Manuskript überliefert, das sich in der Sammlung Dubrowski in Sankt Petersburg befand und heute verschollen ist. Martial A. Chazaud hat ihn 1878 nach diesem Manuskript ediert (Les Enseignements d'Anne de France, Duchesse de Bourhonnois et d’Auvergne à sa fille Susanne de Bourbon, Moulins 1878, digitalisiert unter http://gallica.bnf.fr/ark:/12148/bpt6kllll25k), Tatjana Clavier und Eliane Viennot haben ihn 2006 nach der Ausgabe von Chazaud neu herausgegeben (Anne de France. Enseignements à sa fille. Histoire du siège de Brest, Saint-Étienne 2006). Die Beschreibung des Manuskripts befindet sich in der Einleitung zu Chazauds Ausgabe, S. 1-X, es war im persönlichen Besitz Susannes de Bourbon und enthielt 19 Miniaturen (vgl. Chazaud, S. VII-X). Das Manuskript ist zwischen 1521 und 1527 in Lyon gedruckt worden (vgl. die Diskussion in der „Introduction“ von Clavier und Viennot, S. 30f.), ein Druck aus Lyon ist erhalten. 2 „La parfaicte amour naturelle qu j’ai à vous, ma fille, considérant l’estât de notre povre fragilité, et meschante vie présente, (innumérables et grans dangiers, en ce monde transsitoire, sont à passer) aussi après, recongoissant la très-briefive subdaine et hastive mort que à toute heure fiattens, nonobstant mon povre rude et débile engin, me donne couraige et vouloir de vous faire, tandis que je vous suis présente, aucuns peds enseignements [...]“ [Herv. B.B.], zitiert nach der Ausgabe von Chazaud, S. 1. Die Zitate werden im Folgenden nach dieser Ausgabe nachgewiesen, zusätzlich gebe ich die Seitenzahlen der Neuausgabe von Clavier/Viennot an (hier S. 37). Wenig später spricht Anne ausdrücklich von ihrem Tod: „En oultre, ma fille, si d’aventure la mort me prenoit, avant que eussiez quelque provision [...]“ (S. 14/43). Tatiana Clavier zeigt, dass Anne mit diesem Einleitungssatz gleichzeitig die Konventionen eines Autors allgemein (Angabe des Schreibanlasses) und die Konventionen weiblichen Verhaltens (die öffentliches Reden von Frauen nicht vorsehen) bedient (Clavier, Tatiana: „Gr Enseignements dAnne de France et l’héritage de Christine de Pizan“, in: Isabelle Brouard-Arends [Hg.]: Lectrices de l'Ancien Régime, Rennes 2003, S. 23-31, hier S. 27). 1 Susanne heiratet 1505 Charles de Bourbon-Montpensier. 4 „Le premier et principal point, sur tous les autres, est que affectueusement, et de tout vostre léal et plain pouvoir, vous gardez de faire, dire, ne penser chose, dont Dieu se puisse à vous courroucer [...|“ (S. 2/37). 283