spricht es auch, wenn in der Sibille, im Grunde ja dem Hohelied auf Treue und Leidensbe¬ reitschaft der Ehefrau, an der wohl dramatischsten Stelle des ersten Teils wiederum quasi erzähltechnisch genau diese 1 landlungslogik unterlaufen wird. Als nämlich der treue Ab- rye, erster Begleiter der zu Unrecht verstoßenen Sibille, vom Verräter Maykar hinterhältig ermordet wird, läuft der Hund Abryes allein zurück an den Hof und attackiert dort den Verräter. Der daraufhin angesetzte Zweikampf zwischen Hund und Mörder endet mit dem Sieg des treuen Tieres. Die auftretenden Zweifel aber — ob nämlich ein Hund tat¬ sächlich wahrhaftiger sein könne als ein Mensch — werden in einer Art Binnenerzählung ausgerechnet mit einer literarischen Anekdote legitimiert, die unter anderem sowohl in Marquarts von Stein Kitter vom Thum wie auch im Spiegel der regiersüchtigen Weiber kolportiert wird“1 und im Kontext der Rechtfertigung einer zu Unrecht verleumdeten und verfolgten Ehefrau zunächst verblüffen könnte. Denn diese allseits bekannte Geschichte erzählt von einem Ritter, der vom Herrscher aufgefordert wird, seinen besten Spielmann, seinen be¬ sten Freund und seinen größten Feind mit an den Hof zu bringen. Als bester Spielmann erweist sich der begeistert die Trommel schlagende kleine Sohn, als treuester Freund der Hund, als größter Feind die eigene Ehefrau, die nicht dazu bereit ist, sich von ihrem Mann öffentlich bloßstellen zu lassen, ohne mit (vermeintlich) gleicher Münze zurückzu¬ zahlen und ihn eines (fingierten) Mordes zu bezichtigen. Für moderne Leseerwartungen mag diese Wendung erstaunlich, ja absurd erscheinen. Aber es sind andererseits vielleicht gerade diese Inkompatibilitäten, die Elisabeths Roma¬ ne spannend und fremdartig zugleich anmuten lassen. 21 Vgl. dazu Bennewitz, Ingrid: ,„Darumb eine fraw jrem mann nit kan zu vil gehorsam seyn.‘ Zur Konstituierung von Weiblichkeitsidealen im ,Ritter vom Thurn‘ des Marquart von Stein“, in: Peter K. Stein / Andreas Weiss / Gerold Hayer (Hg.): Festschrift für Ingo Reiffenstein %um 60. Geburtstag (Göppinger Arbeiten zur Germanistik 478), Göppingen 1988, S. 545-564. 281