Gerade die Verbindung von genealogischen Strukturen mit der Darstellung von Famili- enkonstelladonen verspricht spannende Einsichten in mittelalterliche Denkformen und li¬ terarische Entwürfe von Ordnung. Das zumindest für den urbanen Mittel- und Westeu¬ ropäer des ausgehenden 20. Jahrhunderts zunehmend fremd erscheinende Denkmuster der Genealogie verbindet sich hier mit der (literarischen) Darstellung und Entwicklung von Emotionalität im Kontext familiärer generationenübergreifender Bindung und — zwangsläufig auch — innerfamiliärer und intergenerationeller Konflikte. Das emotionale Potential jedoch, das in diesen Kontexten entfaltet wird, mutet vergleichsweise bekannt und wenig fremdartig an, eher schon partiell bedrohlich vertraut. 1. Genealogische Verortungen Walter Haug und Jan-Dirk Müller verdanken wir den Hinweis darauf, wie sehr genealogi¬ sches Denken einerseits die Erzählungen Elisabeths prägt, wie diese andererseits aber je¬ den Versuch einer Rückführung auf ,reale* Historie unterlaufen. Angelegt sind die vier Romane jedenfalls als Familiengeschichte, die „auf drei Generationen zusammengezogen, [...] die Geschichte von Größe und Niedergang der Karolinger bis zum Aufstieg der neu¬ en Dvnastie [enthält]“,4 wobei zunächst der aus stilgeschichtlichen Gründen als Ersdings- werk eingestufte Herpin (,Weiß Ritter*) nur über die Karlsgeschichte angebunden er¬ scheint, tatsächlich aber von Elisabeth in den Folgeerzählungen, etwa insbesondere der Sibille, im Rückbezug immer wieder mit eingeschlossen wird: Da gingen das falsche g(e)slechte züsamen. Es warhen die/ die ouch hertzog Herpin verdrieben (124)"’ Konnig Karle ginge zü dische myt siner ritterschafft/ vnd hait in syme hoffe eynen bösen schalck/ vnd verreder/ der was geheyssen Mavrkar/ vnd was geborn von den verredern/ die hertzog Herpin verrieden (128) Mit anderen Worten: Nicht nur das Zentrum der Macht, die Königsfamilie und ihre Ansippungen werden im Sinne eines genealogischen Zusammenhangs entfaltet, sondern auch ihre Gegenspieler, die Seite des ,Bösen*, wird quasi per Geburt für ihre zukünftige Rolle als Verräter bestimmt. Wie wichtig Elisabeth die Wahrung der genealogischen Kon¬ tinuität auch für jene Rezipienten gewesen sein muss, die möglicherweise nur eine der vier Historien lasen oder vorgelesen bekamen, zeigt sich nicht zuletzt an der Rekapitulation der (kruden) Kapetinger-Genealogie am Beginn des Hug Schapier. Die genealogische Struk- Mittelalters“, in: Jahrbuch für Internationale Germanistik XXXII (2000) Heft 1, S. 8-18. 3 Haug, Walter: „Die .Königin Sibille4 der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken und das Problem des Bösen im postarthurischen Roman“, in: Wolfgang Haubrichs / Hans-Walter Herrmann / Gerhard Sauder (Hg.): Zwischen Deutschland und Frankreich. FJisabeth von 1 j>tbringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung e.V. 34), St. Ingbert 2002,' S. 477-491. 4 Müller: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts (wie Anm. 1), S. 3101. 5 Im Folgenden zitiert nach: Der Roman von der Königin Sibille in drei Prosafassungen des 14. und 15. Jahrhunderts (Veröffentlichungen aus der Staats- und Universitätsbibliothek Hamburg 10). Mit Benutzung der nachgelassenen Materialien von Fritz Burg, Hermann Tiemann (Hg.), Hamburg 1977. — Der Text des Hug Schapier wird zitiert nach Jan-Dirk Müller: Romane des 15. und 16. Jahrhunderts (wie Anm. 1; beide Fassungen); der Herpin nach dem Druck von Siegmund Feyerabend: Das Buch der Hebe, Frankfurt 1587; Hoher und Maller nach der Ausgabe von Karl Simrock, Stuttgart 1868. 272