„Ir sollen die Sachen bilicher verwyben üwerm nyfftelin“ Familienbeziehungen und Generationenkonflikte in den Romanen Elisabeths von Nassau-Saarbrücken Ingrid Bennewitz Die Romane Elisabeths von Nassau-Saarbrücken können als symptomatisch für das neue Interesse der Mediävistik an der Literatur des 15. und 16. Jahrhunderts gelten, das sich seit Beginn der achtziger Jahre des 20. Jahrhunderts beobachten lässt. Zunächst allenfalls Lek¬ türe und Forschungsgegenstand weniger Spezialisten, dürfen Elisabeths Werke mittlerwei- le fast so etwas wie kanonische Geltung für das Zeitalter und die Gattung des Prosaro¬ mans beanspruchen; die Autorin selbst gehört trotz aller Editions- und Untersuchungs- Desiderate zu den prominentesten Autorinnen deutschsprachiger Literatur der Vormo¬ derne. Stellvertretend für dieses stetig wachsende Interesse sei auf die Arbeiten von Wal¬ ter Haug, Jan-Dirk Müller, Ute von Bloh und den wichtigen Sammelband von Wolfgang Haubrichs, Hans-Walter Herrmann und Gerhard Sauder verwiesen.1 Aus diesem Grunde will ich im Folgenden versuchen, den mittlerweile so vielfach un¬ tersuchten Texten einige Aspekte abzugewinnen, die bislang noch etwas weniger im Zen¬ trum des wissenschaftlichen Interesses gestanden haben. Als Türöffner dazu sollen zu¬ nächst einmal Schlüsselwörter der jüngeren Forschung dienen, nämlich Genealogie, Familie und Generation: 1 Müller, Jan-Dirk (Hg.): Romane des 15. und 16. Jahrhunderts. Nach den Erstdrucken mit sämtlichen Holzschnitten (Bibliothek der frühen Neuzeit, 1. Abt. 1), Frankfurt/Main 1990; Ders.: „Held und Gemeinschaftserfahrung. Aspekte der Gattungstransformation im frühen deutschen Prosaroman am Beispiel des ,Hug Schapler1“, in: Daphnis 9 (1980) S. 393-426; Ders.: „Späte Chanson de geste-Rezeption und Landesgeschichte. Zu den Übersetzungen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Joachim Heinzle (Hg.): Chanson de geste in Deutschland (Wolfram-Studien 11), Berlin 1989, S. 206-226; Bloh, Ute von: Ausgerenkte Ordnung. Vier Prosaepen aus dem Umkreis der Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken: ,Herzog HerpitT, ,lj)her und Maller\ ,Huge ScheppeP, ,Königin Sibille‘ (Münchener Texte und Untersuchungen zur deutschen Literatur des Mittelalters 119), Tübingen 2002; Haubrichs, Wolfgang / Herrmann, Hans- Walter / Sauder, Gerhard (Hg.): Zwischen Deutschland und Frankreich. Elisabeth von Lothringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken (Veröffentlichungen der Kommission für Saarländische Landesgeschichte und Volksforschung e.V. 34), St. Ingbert 2002; Haug, Walter: „Huge Scheppel - Der sexbesessene Metzger auf dem Lilienthron. Mit einem kleinen Organon einer alternativen Ästhetik für das spätere Mittelalter“, in: Joachim Heinzle (Hg.): Chanson de geste in Deutschland. Schweinfurter Kolloquium 1988 (Wolfram-Studien 11), Berlin 1989, S. 185-205, sowie auch Steinhoff, Hans Hugo: „Art. ,Elisabeth von Nassau- Saarbrücken“1, in: Kurt Ruh (Hg.): \ erfasserlexikon, Bd. 2, Berlin 1980, Sp. 482-488, 2 Vgl. dazu Weigel, Sigrid: „Familienbande, Phantome und die Vergangenheitspolitik des Generationendiskurses. Abwehr von und Sehnsucht nach Herkunft“, in: Ulrike Jureit / Michael Wildt (Hg.): Generationen. Zur Relevanz eines wissenschaftlichen Grundbegriffs, Hamburg 2005, S. 108-127; Bloch, Howard: Etymologies and Genealogies. A Uterary Antbropology of the French Middle Ages, Chicago / London 1983; Daniel, Ute: Kompendium Kulturgeschichte. Theorien, Praxis, Schlüsselwörter.; Frankfurt/Main 2002, S. 330- 345; Kellner, Beate: Ursprung und Kontinuität. Studien zdmgenealogischen Wissen im Mittelalter; München 2004; Bennewitz, Ingrid: „Frühe Versuche über alleinerziehende Mütter, abwesende Väter und inzestuöse Familienstrukturen. Zur Konstruktion von Familie und Geschlecht in der deutschen Literatur des 271