2. Elisabeth von Nassau-Saarbrücken Als Elisabeth von Nassau-Saarbrücken ihre deutschen Bearbeitungen französischer Vor¬ lagen schrieb, war es in Deutschland keinesfalls selbstverständlich, weltliche Erzähltexte in Prosa zu verfassen. Es gibt nur wenige deutschsprachige Vorläufer (wie den wohl vor 1250 entstandenen Prosa-/Mn^elot und Hans Mairs Buch von Troja, 1391), und angenom¬ men wird, dass Elisabeth ihre Übersetzungen ohne Kenntnis dieser Texte verfasste.18 Möglicherweise war die Entscheidung für die Form der Prosa weniger ihrem angeblich geringen literarischen Talent11 geschuldet als vielmehr der Tatsache, dass sich in Elisabe¬ ths Heimat Frankreich seit dem 13. Jahrhundert neben Verserzählungen zunehmend auch Prosabearbeitungen älterer Erzählstoffe finden ließen;" sie entschied sich somit möglich¬ erweise für die zu ihrer Zeit in Frankreich modernere literarische Gestaltung der von ihr übersetzten Werke.“1 Als erster Fragekomplex ist zu untersuchen, wie Elisabeth ihre Prosadialoge gestaltet hat, und insbesondere, welche Rollen die weiblichen Protagonistinnen in diesen Dialogen übernehmen. Zu fragen ist auch, inwiefern der verbale Handlungsspielraum, der ihnen zugeteilt wird, von demjenigen abweicht, den die französischen Fassungen vorgaben. Elisabeth hinterließ jedoch nicht nur literarisches Schrifttum: Seit 1429 übernahm sie bekanntlich die Funktion als „Regentin und Vormünderin ihrer beiden Söhne Philipp und 18 Hans Hugo Steinhoff brachte dies auf die Formel, der deutsche Prosaroman sei sich in dieser Zeit „sei¬ ner selbst noch kaum bewußt“ (Steinhoff, Hans Hugo: „Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Kurt Ruh u.a. [Hg.]: Die deutsche I Jteratur des Mittelalters. Verfasserlexikon. 2. Aufl., Bd. 2, Berlin / New York 1980, Sp. 482-488, hier Sp. 488). 19 Insbesondere Fiepe, Wolfgang: Elisabeth von Kassau-Saarbrücken. Entstehung und Anfänge des Prosaromans in Deutschland, Halle a.d. Saale 1920, prägte dieses Urteil; vgl. auch die provozierende Bemerkung, ,,[m]öglicherweise war sie einfach nicht fähig, Verse zu schreiben“, bei Haug, Walter: „Die ,Königin Si- bille‘ der Fdisabeth von Nassau-Saarbrücken und das Problem des Bösen im postarthurischen Roman“, in: Haubrichs/Ilerrmann/Sauder (Hg.): /arischen Deutschland und Frankreich (wie Anm. 1), S. 477-493, hier S. 479. 20 Doutrepont, Georges: Ees mises en prose des épopées et des romans chevaleresques du XIP* au XI Ie siècle (Aca¬ démie royale de Belgique, Classe des 1 .ettres et des Sciences morales et politiques, Mémoires 40), Brüssel 1939, S. 3. Siehe auch Suard, François: „La Chanson de geste en France“, in: Régis Boyer u.a. (Hg.): L’Epopée (Typologie des sources du Moyen Age occidental 49), Turnhout 1988, S. 57-82, erneut abge¬ druckt in: Suard, François (Hg.): Chanson de geste et tradition épique en France au Mojen Age, Caen 1994, S. 73- 91 (zitiert wird nach dieser zuletzt genannten Ausgabe, siehe dort insbesondere S. 73); Buschinger, Da¬ nielle: „Pouvoir politique et pouvoir culturel. Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Dies. (Hg.): Cours princières et châteaux. Pouvoir et culture du IX au XIIIe siècle en France du Xord, en Angleterre et en Allemagne. Actes du Colloque de Poissons (28-30 Septembre 1987) (WODAN 21), Greifswald 1993, S. 45-58. Im Bereich spezi¬ ell der Chanson de geste finden sich die Prosabearbeitungen allerdings erst seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts, während gleichzeitig noch neue Verfassungen entstanden, siehe Suard: „La Chanson de geste“, S. 83, und Ders.: „L’épopée française tardive (XIVc-XVe s.)“, in: Jean-Marie d’Heur / Nicolet- ta Cherubini (Hg.): Etudes de philologie romane et d'histoire littéraire, offertes à Jules Horrent à l’occasion de son soi¬ xantième anniversaire, Lütüch 1980, S. 449-460, erneut abgedruckt in: Suard (Hg.): Chanson de geste et tradition épique en France au Moyen Age, S. 243-254, insbesondere S. 243f. 21 Zum Verhältnis von Tradition und Innovation bei Elisabeth siehe auch Gaebel: Chansons de geste (wie Anm. 1), S. 34-42. 249