Wiedergabe direkter, mündlicher Rede gewinnen die Ereignisse an (scheinbarer) Authen¬ tizität; dadurch, dass Erzählzeit unci erzählte Zeit im Dialog nahezu zusammenfallen, können Redeszenen darüber hinaus den Eindruck eines beschleunigten Erzähltempos vermitteln. ’ Ebenfalls seit langem erkannt ist die Funktion der direkten Rede zur Charakterisierung der handelnden Figuren,1" sowohl zu ihrer generellen Charakterisierung (auch im Sinne etwa ihres Standes, ihres Alters oder ihres Geschlechtes)11 als auch zur Darstellung ihrer punktuellen Gemütsverfassung. Dabei zeigen bereits die mittelalterlichen Texte Ansätze einer Dialogizität im engeren Sinne:1 Durch die Möglichkeit der Pluralisierung von Sinn¬ positionen in einem textinternen Dialog, vertreten durch mehrere handelnde Figuren, wird der textexterne Rezipient des Textes zur Reflexion über die Richtigkeit der darge¬ stellten Standpunkte aufgefordert. Zu erwähnen ist des Weiteren, dass die direkte Figurenrede nicht zuletzt auch der Cha¬ rakterisierung des Erzählers dient — auf den ersten Blick scheint der Erzähler hinter die sprechenden Figuren zurückzutreten, er bleibt jedoch lenkend anwesend (z.B. durch die Gestaltung der inquit-Formeln, die auf der einen Seite die Gelenkstelle zwischen den in- tradiegetischen Figuren und dem Erzähler, auf der anderen Seite zwischen Autor und textexternem Publikum bilden),'1 und umgekehrt können die intradiegetischen Figuren durch längere Berichte in ihren Dialogbeiträgen Funktionen des Erzählers übernehmen.14 Die L'ntersuchung der Gestaltung von Dialogszenen liefert damit einen wesentlichen Bei¬ trag zur Reflexion über die Kategorien ,Autor4 und ,Erzähler4 sowie ,Fiktion4, Wirklich¬ keit4 und ,Wahrheit4. So bietet die LTntersuchung von Redeszenen die Möglichkeit, das Bewusstsein für die Bedingungen literarischer Kommunikation insgesamt zu schärfen, ln Ansätzen zeichnet sich, weiterführend, ab, dass die Gestaltung der Redeszenen nicht nur 9 Das Verhältnis von Erzähltempo und Redeszenen ist allerdings komplex: Die indirekte, zusammenfas¬ sende Wiedergabe eines Dialoges seitens des Elrzählers steigert das Erzähltempo gegenüber der vollstän¬ digen Wiedergabe des Gesprächs, und nicht selten haben Redeszenen eher retardierende als den Hand¬ lungsverlauf beschleunigende Funktionen. Maria E. Müller hat beschrieben, dass die spezifische Stilform der Stichomvthie, die durch ihren schnellen Sprecherwechsel augenscheinlich ein Höchstmaß an Erzähl¬ tempo generiert, den Verlauf der Handlung inhaltlich häufig „auf der Stelle“ treten lässt. Siehe Müller, Maria E.: „Vers gegen Vers. Stichomythien und verwandte Formen des schnellen Sprecherwechsels in der mittelhochdeutschen Eipik“, in: Miedcma/Hundsnurscher (Hg.): Formen und Funktionen von Redes^enen (wie Anm. 6), S. 117-137, hier S. 129. 1(1 Vgl. etwa Nalewski, H.: „Dialog“, in: Claus Träger (Hg.): Wörterbuch der Literaturwissenschaft, Leipzig 1986, S. 103f., hier S. 104. 11 Für die mittelalterlichen Texte gilt allerdings, dass gerade im Bereich der für die Stände, Altersgruppen und Gender postulierten Differenzen im Sprechverhalten kaum genauere Untersuchungen vorliegen; siehe hierzu die „Einleitung“, in: Miedema/Hundsnurscher (Hg.): Formen und Funktionen von Redeszenen (wie Anm. 6), S. 16 (mit weiterer Literatur). 12 Zur Dialogizität vgl. grundlegend Lachmann, Renate (Hg.): Dialogizität (Theorie und Geschichte der Li¬ teratur und der schönen Künste Al), München 1982. 13 Siehe Hundsnurscher, Franz: „Das literarisch-stilistische Potential der inquit-Formel“, in: Mie¬ dema/Hundsnurscher (Hg.): Formen und Funktionen von Redeszenen (wie Anm. 6), S. 103-115. 14 Vgl. z.B. die im folgenden Sammelband zusammengetragenen Ergebnisse: Haferland; Harald / Meck¬ lenburg, Michael (Hg.): Erzählungen in Erzählungen. Phänomene der Narration in Mittelalter und Früher Neuzeit (Forschungen zur Geschichte der älteren deutschen Literatur 19), München 1996. 247