risch-konzeptionellen und formal-inhaltlichen Unterschiede, die sich in den Handschrif¬ ten beider Frauen durch persönliche, textuelle und schreibtechnische Elemente widerspie¬ geln, bilden in einem zweiten Schritt dann die Grundlage zur Analyse der individuellen Schreibmotivation als Indikator der jeweiligen persönlichen Frömmigkeitspraxis. Die Vorstellung der Margarethe von Rodemachern (1426-1490), Tochter der Gräfin Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, die 1441 Gerhard, Herrn zu Rodemachern, heiratete, darf hier mit dem Verweis auf Hans-Walter Herrmanns ausführliche Aufarbeitung der Familiengeschichte in diesem Band auf wenige Daten beschränkt bleiben.'1 Margarethe hatte Andachts- und Gebetbücher von ihrer Mutter geerbt (Gotha, Forschungsbibliothek, Chart. B 237 1; Hamburg, Staatsbibliothek, theol. 2061), und sie hatte sich ein illustriertes Gebetbuch anfertigen lassen (Weimar, Herzogin Anna Amalia Bibliothek, Q 59). Basie¬ rend auf ihrer Ausleihliste in der Gothaer Handschrift stellt Haubrichs fest, dass man bei Margarethe von Rodemachern von einem Buchbesitz von 28 und eventuell mehr Büchern ausgehen kann.“2 Die von Margarethe gemachten Eintragungen, die Gegenstand meiner Betrachtungen sein werden, befinden sich im ersten, auf 1429 datierten, und dem zweiten, vermutlich um 1470 entstandenen Teil der dreiteiligen Gothaer Handschrift. Im Folgen¬ den sollen der erste und zweite Teil von Gotha, Forschungsbibliothek, Chart. B 237 nach der von Schenk zu Schweinsberg eingeführten Bezeichnung kurz Gotha I und Gotha II genannt werden.“1 Dorothea von Hof, geborene Ehinger, wurde aufgrund ihrer einzigartigen literarischen Tätigkeit als Vergleichsperson für die Diskussion der verschriftlichten weltlichen Fröm¬ migkeitspraxis ausgewählt. Sie lebte von 1458-1501 in Konstanz.“1 Ihr Vater, Heinrich Ehinger, war ein wohlhabender Kaufmann und in der Konstanzer Kommunalverwaltung als Spitalpfleger, Stadtsäckler, Oberbaumeister und Richter zu Petershausen aktiv.“' Fünf¬ zehnjährig heiratet Dorothea Ehinger den Patrizier förg von Hof, der Ratsmitglied und später Bürgermeister von Konstanz wurde.Dorotheas Mutter, Margaretha Ehinger ge¬ borene von Kappel, war nach heutigem Forschungsstand, im Gegensatz zur Uberset¬ zungstätigkeit der Mutter Margarethes, Elisabeth von Nassau-Saarbrücken, nicht selbst li¬ terarisch tätig. Sie ist der Forschung jedoch als Auftraggeberin und Buchbesitzerin gut be¬ kannt. Ihr gehörten eine doppelbändige Historienbibel aus der Werkstatt Diebold Lau- bers, ein deutsches, von Hans Sattler illuminiertes Gebetbuch“"1 und eine prächtig illus- 21 Vgl. Herrmann, Hans-Walter: „Aus dem Leben einer Bücherlreundin — Margarethe von Rodemachern, Tochter der Llisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in diesem Band S. 121-155. 22 Vgl. Haubrichs: „Pilgerfahrt“ (wie Anm. 4), S. 534; Stork: „Die handschriftliche Überlieferung“ (wie Anm. 5), S. 602f. 23 Schenk zu Schweinsberg: „Margarethe von Rodemachern“ (wie Anm. 3), S. 118f. 24 Fechter, Werner: Dorothea von Hof: Neues ihrer Biographie und %ur Rezeption deutscher geistlicher Uteratur im spätmittelalterlichen Konstant unveröffentlicht. Privatbesitz N. F. Palmer, [in Vorbereitung], 25 Müller, Johannes: „Die Fhinger von Konstanz“, in: 'Zeitschrift für Geschichte des Oberrheins N.F. 20 (1905) S. 19-40. 26 Fechter: Dorothea von Hof (wie Anm. 24), S. 5f. 2 St. Gallen, Kantonsbibliothek, Vadianische Sammlung, Cod. 343c und 343d; Historienbibel. 28 Finsiedeln, Stiftsbibliothek, Cod. 283 Gebetbuch (1482); Cermann, Regina: Katalog der deutschsprachigen illu¬ strierten Handschriften des Mittelalters (KdiH), Bd. 5, Lieferung 1/2, Nr. 43.1.55, München 2002. Das Allge- 185