Verschriftlichte Laienfrömmigkeit: DIE ÄNDACHTS- UND GEBETSHANDSCHRIFTEN DER Margarethe von Rodemachern und der Dorothea von Hof Undine Brückner Das private deutschsprachige Gebetbuch war bis zur Mitte des 15. Jahrhunderts im ober¬ deutschen und süddeutschen Raum die am meisten verbreitete Form des Gebetbuchs, während im Norden Deutschlands das Stundenbuch vorherrschte. Private deutsche Ge¬ betbücher, zunächst hauptsächlich von Nonnen benutzt und in Konventen geschrieben, fanden jedoch bei weltlichen Laien so großen Anklang, dass sie am Ende des 15. Jahrhun¬ derts von diesen gleichermaßen genutzt und geschrieben wurden.1 2 Die Individualität, die jeder Schreiber seinem Gebetbuch verleihen konnte, wird in der folgenden Aussage einer Nonne deutlich: „Item die heiligen sten nicht als sye ab dem colender noch ein ander sten. ich hab sy geschriben als ichs mocht gehaben“. Die eigenständige Zusammenstellung von Heiligen entgegen deren üblicher liturgischer Ordnung ist nicht nur Textarbeit, sondern folgt persönlichen Bedürfnissen der Andacht und Frömmigkeitspraxis. Sowohl Margarethe von Rodemachern (1426-1490), Tochter der Elisabeth von Nassau- Saarbrücken und Ehefrau des Herrn zu Rodemachern, als auch die Kaufmannstochter und patrizische Ehefrau Dorothea von Hof (1458-1501), geborene Ehinger aus Konstanz, verfassten Andachts- und Gebetshandschriften und sind somit Teil der Tradition des weiblichen geistlichen Schrifttums des fünfzehnten Jahrhunderts. Als Mitglied der adligen höfischen Gesellschaft trägt die eine Gebete, ihren Besitz betreffende Listen und Rezepte in ein bestehendes Buch ein, die andere, aus dem Milieu der städtischen Elite stammend, kompiliert aus mehr als vierzig Quellentexten des 14. und 15. Jahrhunderts ein 800- seitiges moral-didaktisches geisdiches Erbauungsbuch. Ziel dieses Beitrages ist es nicht nur zu untersuchen, welcher Art die literarischen Produkte beider Frauen sind, sondern auch, ob und in welcher Weise ihr sozialer Status Einfluss auf ihren Buchbesitz und auf ihr religiöses Schrifttum hatte, insbesondere weil, von ihrer sozialen Ausgangsposition be¬ trachtet, die Kaufmannstochter als Verfasserin eines komplexen Erbauungsbuches, die Grafentochter als Aufzeichnerin geisdicher Kurztexte und medizinischer Ratschläge er¬ scheint. Dieser Beitrag versteht sich als Fortsetzung der Studien von Eberhard Schenk zu Schweinsberg3, Wolfgang Haubrichs4 und Hans-Walter Stork\ die sich verschiedenen As¬ 1 Rentes, Thomas: „Prayer Books“, in: Franz josef Arlinghaus (Hg.): Transforming the Medieval World. Uses of Pragmatic Titeracy in the Middle Ages, A CD-ROM and Book (Utrecht studies in medieval literacy 6), Turn- hout 2006, S. 239-258, hier S. 251 f. 2 Rentes: „Prayer Books“ (wie Anm. 1), S. 250. ’ Schenk zu Schweinsberg, Eberhard: „Margarete von Rodemachern, eine deutsche Bücherfreundin in Eothringen“, in: Zeitschrift des Uereins für Thüringische Geschichte, Beiheft 23 (1941) S. 117-152. 4 Haubrichs, Wolfgang: „Die ,Pilgerfahrt des träumenden Mönchs*. Pune poetische Übersetzung Elisabeths aus dem Französischen?“, in: Wolfgang Haubrichs / Hans-Walter Herrmann / Gerhard Sauder (Hg.): Zwischen Deutschland und Frankreich. Elisabeth von \j)thringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken (Veröffentlichun- 181