Eine illuminierte ,Leben Jesu£-Handschrift aus dem Besitz der Elisabeth von Görlitz (f 1451) in Lüttich (UB, Ms. Wittert 71) und deren Parallelüberlieferung in Chantilly (Musée Condé, Ms. 35 [1455]) Hans-Walter Stork I. Der Text Dieses antique literalische wohl conditionierte kunstwerk komt von Trier, es waren viele Liebhaber darzu, und wurde aus Paris, Hamburg und vom Groß Hertzog von Weimar starck deswegen corres- pondirt./ Nach vieler Mühe glückte es mir durch meinen Freund den Herrn Antiquar Clotten solches an mich zu bekommen./ Wegen seiner Alt Teutschen Sprache ist selbiges um so viel seltener weil man eher 30 lateinisch als ein teutsches antrifft. Mit dieser Einschätzung zum Lütticher Manuskript eines deutschen Leben-Jesu-Textes und zu dessen Uberlieferungssituation hatte Johann Peter Job Hermes, der erste eigendi- che Handschriftenbibliothekar der Stadtbibliothek Trier und im Jahre 1815 Schreiber die¬ ser Zeilen, recht - damals schon und bis heute. Handelt es sich doch bei dieser jetzt in der Universitätsbibliothek Lüttich aufbewahrten Handschrift um einen von zwei bisher be¬ kannt gewordenen Textzeugen eines Leben Jesu-Textes in rheinfränkischer, genauer: in Trierer Fassung. Eine zweite Notiz unterrichtet über die Bestellerin und erste Besitzerin der Handschrift: Un des plus beaux et des plus rares mss allemands exécuté vers 1400 pour l’église de Treves par des artistes des rois de Boheme et des empereurs d’allemagne de la maison de Luxembourg. Porté en Hollande par la dernière heretière du duché de Luxembourg mariée a jean de Bavière prince-eveque de Liège Mort a La Haye en 1425 d’ou provient ce ms. acheté et vendu par M. Nyhoff. 50 miniatures. Dieser Eintrag stammt aus der Hand des Lütticher Barons Adrien Wittert (1823-1903), der die Handschrift bei dem bekannten Haager Antiquar Martin Nijhoff (1826-1894) er¬ warb. Diesem Ueben-Jesu-Text in der Lütticher Universitätsbibliothek kann ein zweiter Text¬ zeuge dieser moselfränkisch-trierischen Übersetzung an die Seite gestellt werden, ln der Bibliothek des Herzogs von Aumale im heutigen Musée Condé in Chantilly wird seit 1866 ein Manuskript aufbewahrt,1 2 dessen Spur man nur bis in dieses Jahr zurückverfolgen kann, als es der Herzog in London bei dem Antiquar und Buchhändler Antoine Bachelin- Deflorenne erwarb. Kurz vor diesem Kauf durch den englischen Kunstbuchbinder 1 Zur Handschrift vgl. die Mikrofiche-Edition: Stork, Hans-Walter: Betrachtungen %um 'Leben Jesu. Liège, Biblio¬ thèque générale de l’Université, Ms. Wittert 71 (Codices illuminati medii aevi 22), München 1991. 2 Zur Handschrift vgl. kurz Meurgey, Jacques: Les principaux Manuscrits a Peintures du Musée Condé à Chantilly (Société française de reproductions de manuscrits 14), Paris 1930, S. 74f., Taf. 48-49. — Stork, Hans- Walter: „Zwei illustrierte Texte der ,Vita Christi* in der Redaktion des Michael de Massa: Lüttich UB ms Wittert 71 und Chantilly, Musée Condé Ms. 1455“, in: Koert van der Horst / Johann-Christian Klamt (Hg.): Masters and Miniatures. Proceedings of the Congress on Médiéval Manuscript Illumination in the Northern Netherlands (Utrecht, 10-13 December 1989), Dornspijk 1992, S. 287-294. — Die Miniaturen der Handschrift in Chantilly sind bislang hauptsächlich wegen ihrer Ikonographie herangezogen worden, vgl. Kat. Im nati¬ vité dans l’art. Catalogue de l’exposition organisée au Musée Curtius, Liège 1959, Nr. 36. — „La nativité vue par les imagiers“, in: Les dossiers de l’Archéologie 1976, S. 17-25. 97