erwirbt sie aus der Bibliothek des Charles de Croy, prince de Chimav, der zu den bekann¬ testen Bibliophilen im Umkreis des burgundischen Hofes gehört, auf einen Schlag 78 wertvolle Handschriften und gibt dafür die Summe von 5000 livres aus. Insgesamt umfas¬ ste ihre Büchersammlung, die Marguerite Debae vor einigen Jahren aul Grund der über¬ lieferten Inventare und erhaltenen Codizes sorgfältig rekonstruiert hat, am Ende knapp 400 Bände. Unter den erhaltenen Handschriften sind mehrere, die umfangreiche Samm¬ lungen von Gedichten und Liedern enthalten. Ihr Inhalt deutet darauf hin, dass es an Margarethes Hof eine Art literarischen Zirkel gab, oder - vorsichtiger formuliert —, eine höfische Geselligkeit, die sich nicht nur in Tanz und Musik, sondern auch im Sammeln, Schreiben und Austauschen von Gedichten vollzog. Die Diskussion darüber, wie viele dieser Texte aus der Feder Margarethes stammen und ob sie überhaupt selbst als Autorin literarischer Werke, möglicherweise sogar als Komponistin der zugehörigen musikalischen Vertonungen in Frage komme, hält in der Forschung unvermindert an, aber ich gehe an dieser Stelle auf diese umstrittenen Fragen aus Zeitgründen nicht näher eind Mich interessiert stattdessen heute vor allem die Frage, ob und inwieweit Margarethes Hof ein Ort war, an dem französische und deutsche Literatur einander begegneten, scheint doch nicht nur die geographische Situierung Alalines auf der Sprachgrenze zwi¬ schen deutsch- und französischsprachigem Gebiet, sondern vor allem Margarethe selbst aufgrund ihrer Herkunft, ihrer verwandtschaftlichen Beziehungen zu Habsburg und Bur¬ gund und ihrer Lebensumstände in besonderer Weise geeignet, französische und deutsche Kultur miteinander zu verbinden. Während die Frage des Kulturaustausches und der die Sprachgrenzen überschreitenden Kontakte für die Bereiche von Bildender Kunst und Musik längst intensiv untersucht wird, hat die Frage der Rezeption deutscher Literatur, nicht nur am Hof von Malines, sondern im französischsprachigen Raum allgemein in der Forschung bislang wenig bis kein Interesse gefunden. Deutsche Literatur in französischen Kontexten ist kein Thema, zu klar und zu gewichtig sind die Einflüsse, die in umgekehrter Richtung verlaufen. Betrachtet man das erhaltene Inventar von Margarethes Büchersammlung und die Re¬ konstruktion ihrer Bibliothek, die Marguerite Debae vorgelegt hat, so springt schnell ins Auge, dass die Bibliothek Margarethes überwiegend aus französischsprachigen Werken Siehe dazu The Chanson Albums of Marguerite of Austria. Mss 228 and 11239 of the Bibliothèque Royale de Bel¬ gique, Brussels. Martin Picker (Hg.), Berkeley / Los Angeles 1965 sowie Taylor, Jane H. M.: „Les Albums poétiques de Marguerite d’Autriche. The dynamics of an Early Renaissance Court“, in: Journal of the Early Book Society for the Study of Manuscripts and Printing History 4 (2001) S. 150-171. 8 Siehe dazu zuletzt Müller, Catherine: „Marguerite d’Autriche (1480-1530), Poétesse et Mécène“, in: Mar¬ cel Faure (Hg.): Reines et Princesses au Moyen Age. Actes du cinquième colloque international de Montpellier, Universi¬ té Paul-Valéry 24-27 novembre 1999 (Les cahiers du Crisima 5), Montpellier 2001, Bd. 2, S. 763-776. Mög¬ licherweise bietet Margarethes Hof ein frühes Beispiel für jene literarische Zusammenarbeit, die in der Forschung für das 17. und 18. Jahrhundert mittlerweile unter dem Stichwort salon writing zunehmend Interesse findet. Vgl. für die spätere Zeit Dejean, Joan E.: Tender Geographies. Women and the Origins of the Novel in France, New York 1991. 9 Siehe dazu Backes, Martina: „Deutsche Literatur des Mittelalters in zeitgenössischen französischen Über¬ setzungen — Ein (fast) vergessenes Kapitel deutsch-französischen Kulturtransfers“, in: Germanistik in der Schmiß Online-Zeitschrift der SAGG 3 (2006) (www.germanistik.unibe.ch/SAGG-Zeitschrift/3_06/). 90