Eine Identifikation der Gefolgsleute Amors (Abb. 23) auf dem Elfenbeinrelief ist über¬ haupt nur dort möglich, wo Mantegna ihnen entsprechende Attribute beigegeben hat. Abb. 23: Elfenbein-Brauttruhe der Paola Gonzaga (Detail): Amors Gefolgsleute im Triumphus Cupidinis (1476/78; Klischee: Johann Kräftner), von links nach rechts: Perseus, Herakles, Merkur, Mars, Venus und Sappho mit ihren Dichterkollegen Dies gilt im Wesentlichen — mit Ausnahme des Petrarca-Portraits — für die Gestalten in der ersten Reihe, die sich mit dem Triumphwagen von rechts nach links bewegen, und mit letzter Sicherheit sogar nur für sechs der neun Figuren; dabei ist Mantegnas Auswahl streng von der Rückwendung der Renaissance zur Antike bestimmt: Sie fällt auf Perseus, Herakles, Merkur, Mars, Venus und Sappho (Abb. 23), auch wenn die griechisch- römische Mischung hier merkwürdig anmuten mag. Ich halte mich dabei - mit Ausnahme von Hermes/Merkur, der bei Petrarca gar nicht vorkommt, — an Petrarcas Namensge¬ bung, der von „Perseo“ (TC II, 142), „Ercole“ (TC I, 125; TF I 93 und II 16), „Marte“ (TC I 151; TF II 2), „Venere“ (TC I 151, IV 96 und 107) und „Saffo“ (TC IV 25) spricht. Zu ihnen gesellt sich noch „Giove“ (TC I 160), der vorne am Wagen angekettete und an den Händen gefesselte Jupiter: e di lacciuoli innumerabil carco ven catenato Giove innanzi al carro35 Ein besonders interessanter Kunstgriff zur Darstellung der Bewegung des Gefolges ist die abgeschnittene Figur am linken Bildrand, von der nur noch ein Bein und ein Stück wehendes Gewand zu sehen sind, was ein rasches Voranschreiten des Zuges suggeriert. Gleichzeitig aber wenden sich zum Beispiel Mars und Venus — fast in der Mitte des Zuges — einander zu, während sich Sappho sogar zu den ihr nachfolgenden Dichterkollegen um¬ dreht. So entsteht — zusammen mit der den Zug im Hintergrund sowie vor und hinter Amors Triumphwagen begleitenden höfischen Gesellschaft — der Eindruck eines unge¬ zwungenen Defilees, wie es eher der Idealvorstellung derartiger Inszenierungen an den norditalienischen Adelshöfen der Renaissance als Petrarcas Gefangenenzug entspricht. Auf die Darstellung der immer exotischeren Liebespaare aus dem zweiten Gesang ver¬ zichtet Mantegna ebenso wie auf die berühmten Liebespaare der zeitgenössischen Litera¬ tur. Am Ende des dritten Gesangs, der im Anblick Lauras gipfelt, sucht das dichterische Ich, selbst von Amor schwer getroffen, im vierten Gesang nach Rückhalt unter seinen 35 TC I, 159-160: „und mit unzähligen Fesseln beladen/ kommt Jupiter angekettet vor dem Wagen daher“. 78