gister aufgeteilt sind: In insgesamt 96 Einzelszenen aus dem Alten und 40 aus dem Neuen Testament ist dann die biblische Geschichte in Form einer fortlaufenden Bilderreihe ver¬ gegenwärtigt. Und wie die Seckauer Breviere durchschießt auch diese nach der Über¬ schrift des ersten Haupttextes unter dem Titel Cursus Sanctae Mariae laufende Handschrift die lateinischen Basistexte mit deutschen Texten und Textpartikeln, vor allem zahlreichen, die Verwendung der lateinischen Texte steuernden Rubriken, oft an prominenter Stelle dicht an höchst qualitätvolle historisierte Initialen lateinischer Tradition gesetzt: Der im la¬ teinischen Text und in der ihn einleitenden Bild-Initiale sich ausdrückende Schriftlich¬ keits-Status teilt sich so unmittelbar auch dem volkssprachlichen Sekundärtext mit. Noch enger verbindet sich die deutsche Volkssprache mit dem sich im Bildmedium materialisierenden Anspruch lateinischer Buchkultur auf den 32 Bildseiten der Hand¬ schrift. ln die Rahmen der Miniaturen, zuweilen auch in Spruchbänder innerhalb der Bild¬ felder eingeschriebene deutsche Beischriften nämlich erläutern die Darstellungen (Abb. 4), sei es im Form bloßer Namensbeischriften, sei es als lakonische Hinweissätze des Typs hie ist vnser herre gebom oder hie chundet der engel den kristen die gebürt (Bl. 201), sei es als ausführli¬ chere Erläuterungen, die, da der Rahmen nicht ausreichte, oft über den Bildrand hinaus¬ laufen. „So setzt die Volkssprache“, hat Michael Curschmann dazu bemerkt, im Prinzip das bildlich Vorgestellte zur Andachtspraxis in Beziehung. [...] Zugleich versuchte man, über die Spruchbänder das Geschehen zu dramatisieren. |...] Stellenweise verbinden sich die margina¬ le narratio und der interne Dialog [...] zu einer gemeinsamen, kontinuierlich narrativen Aussage.14 Von solcherart „Bemühen, über das Bild zugleich Anschluß an die volkssprachliche Vergegenwärtigung des Texts zu gewinnen“,1" profidert letzdich die Volkssprache, indem sie auf dem Umweg über das Bild am literarischen Status lateinischer Schriftlichkeit teil¬ hat. Die weibliche Benutzerin der Handschrift1'vergegenwärtigte sich das in den lateini¬ schen Texten exemplarisch und paradigmatisch als Gebet, Psalm oder liturgischer Text Vermittelte als biblische historia im Medium der Bildkunst, und zwar — gesprochen oder nur ,gedacht4 — in der Volkssprache. Oder sie nutzte die mit Bild-Inidalen verknüpften deutschen Rubriken gleichsam als Merkzeichen zum Auffinden der lateinischen Gebets¬ texte. Ob die drei fragmenderten Einzelblätter einer bislang von der Forschung nicht wahr¬ genommenen, wohl um 1200 im Regensburger Umkreis entstandenen Handschrift1 auch eine Frau als Adressatin oder Benutzerin hatten, ist nicht festzustellen. Doch sind die er¬ haltenen Blätter mit ihren zweistöckigen Illustrationen^ und deutschen Büdbeischriften 14 Curschmann: „Wort — Schrift — Bild“ (wie Anm. 8), S. 394. 15 Ebd. 16 Ob dies nun Agnes von Böhmen war, wie Meta Harrsen annahm, oder eine andere der Lektüre des latei¬ nischen Psalters mächtige Frau aus dem wittelbachisch-andechsmeranisch—schlesisch—böhmischen Ver¬ wandtschafts- und Beziehungsgeflecht, wie Michael Stolz vermutet, ändert die Gebrauchssituation nicht. 1 Detroit, Institute of Arts, Acc. No. 1224.74-76. 18 Das erste der beiden erhaltenen Bildblätter bringt auf der Vorderseite im oberen Register die Anbetung der Könige, unten die Taufe, auf der Verso-Seite Christi Versuchung oben und den Einzug in Jerusalem unten. Das zweite Bildblatt zeigt auf der Vorderseite oben Christi Descensus ad inferos mit der Befrei¬ ung der Altväter, unten die Auferstehung mit den drei Frauen am Grab, auf der Rückseite Christi Him¬ melfahrt als ganzseitige, aber kompositorisch durch den Farbwechsel des Bildrahmens und die horizonta- 23