EINLEITUNG Es mag angemessen erscheinen, Ziele und Intentionen dieses internationalen und auf der interdisziplinären Zusammenarbeit von Historikern, Romanisten, Germanisten und Kunsthistorikern aufbauenden Sammelbandes an der im Titel genannten faszinierenden Persönlichkeit der Elisabeth von Lothringen, Gräfin von Nassau-Saarbrücken, einer litera¬ risch interessierten und aktiven Fürstin des 15. Jahrhunderts, zu verdeutlichen. Das Ge¬ burtsjahr der in Vezelise (südlich Nancy) als Tochter Friedrichs von Lothringen (j- 1415) geborenen Gräfin ist nicht präzise bekannt, lässt sich jedoch indirekt auf das letzte Jahr¬ fünft des 14. Jahrhunderts eingrenzen. Elisabeth, aus der Zweiglinie Vaudemont des loth¬ ringischen Herzoghauses stammend, wurde 1412 mit dem Grafen Philipp von Nassau- Saarbrücken vermählt, einem im Westen des Reichs nicht ganz einflusslosen Fürsten, der zugleich stets auf gute Beziehungen zum französischen Königtum und den Fürsten des französischen regnum Wert legte. Nach dem Tode ihres Gatten übernahm sie 1429 über ein Jahrzehnt lang für ihre unmündigen Söhne die Regentschaft der Grafschaft, die da¬ mals (freilich nicht in einem geschlossenen Territorium) von der Herrschaft Commercy an der oberen Maas (südlich Verdun) über umfangreiche Besitzungen an Saar und Blies und am Donnersberg bis in den Rheingau (Wiesbaden), den Taunus und das Lahntal reichte. Saarbrücken war ihre Hauptresidenz; als sie 1456 verstarb, begründete ihr repräsentativ nach burgundischen Mustern gestaltetes, die Memoria der Lothringer und anderer großer, verwandter Adelshäuser (Luxemburg, Brabant, Württemberg) aufnehmendes und an aus¬ gezeichneter Stelle in der Mitte des Chores der gotischen Stiftskirche St. Arnual ihrer Re¬ sidenz platziertes Grabmal für mehrere Generationen, bis ins frühe 17. Jahrhundert, die in prächtigen Denkmälern manifestierte Grablege des Hauses — so bereits den Zusam¬ menhang von Herrschaft und Repräsentation ausweisend. Herrschaft und Kunst: Gerade als Elisabeth als tatkräftige Verwalterin ihrer Territorien in die Randereignisse des in seine virulente Spätphase eingetretenen Hundertjährigen Krieges zwischen Frankreich, England und Burgund verwickelt wurde, verfasste sie ihre Prosaübersetzungen (um 1435/37), die ihr in der Literaturgeschichte die Etiketderung als erste Vertreterin des neu entstehenden deutschen Prosaromans eingebracht haben. Elisa¬ beth hat vier französische Heldenlieder, sog. Chansons de geste, in deutsche Prosa über¬ tragen: ,Herpin£, ,Sibille‘, ,Loher und Maller' und ,Huge Scheppel4. Sie behandeln thema¬ tisch, wenn auch in der Form der Sage, die jedoch für das zeitgenössische Adelspublikum Historie war, die Zeit von Karl dem Großen über Ludwig den Frommen und Lothar bis hin zu der (viel näher als in der Realgeschichte zusammengerückten) Ablösung der Karo¬ linger durch das neue französische Königsgeschlecht der Kapetinger, somit auch die Frühgeschichte, die Genealogie der beiden großen Reiche, zwischen denen Lothringen und Nassau-Saarbrücken lagen, des (römisch-deutschen) Imperium und des (westfrän¬ kisch-französischen) regnum. Die aussagekräftige Zusammenstellung gerade dieser Helden¬ epen (und nicht etwa der lothringischen ,Chansons de geste4 um Garin und Hervis) hatte vielleicht bereits Elisabeths Mutter Margarethe (f 1416) aus dem Flause Vaudemont- Joinville geleistet. Es darf vermutet werden, dass diese Frühgeschichte des französischen 9