Christian Zschieschang Sprachkontakte an der unteren Neiße im Spiegel der Ortsnamen I. Die Regionen östlich von Elbe und Saale wurden jahrhundertelang und zum Teil bis heute andauernd vom Sprachkontakt und von sprachlichen Interfe¬ renzerscheinungen in markanter Weise geprägt. Dies gilt in besonderer Weise für die geographischen Namen. Die Zahl der ursprünglich slavischen Namen¬ bildungen, die als Integrate in den deutschen Sprachgebrauch übergingen, geht in die Abertausende, und Interferenzonomastik ist in der Namenforschung dieser Regionen ein Dauerbrenner, wie nicht zuletzt auch einige Beiträge des vorliegenden Bandes zeigen. Die regionale Bearbeitung entsprechender Erscheinungen, zumeist im Zusammenhang mit der lexikographischen Erschließung der Ortsnamen, ist ein seit Jahrzehnten erprobtes Verfahren, das in einem interdisziplinären Kon¬ text unter anderem auch am Geisteswissenschaftlichen Zentrum für Geschich¬ te und Kultur Ostmitteleuropas an der Universität Leipzig gepflegt wird (vgl. http://www.uni-leipzig.de/gwzo). Hier erfolgte auch die toponomastische Be¬ arbeitung der Region um die untere Neiße im heutigen polnisch-deutschen Grenzgebiet, die zum Thema sprachlicher Interferenzen eine Reihe von Beob¬ achtungen erbrachte, welche die Grundlage des folgenden Beitrages bilden. 2. Die Neiße, heute die östliche Begrenzung Deutschlands, entspringt im Isergebirge und verläuft in ihrem Unterlauf durch das Norddeutsche Tiefland. Die Landschaft dort ist flach bis hügelig. Die Siedlungsentwicklung im Früh- und Hochmittelalter, wie sie sich in der typologischen Strukturierung der Ortsnamen spiegelt (Abb. 1), ging von einem relativ eng begrenzten älteren Siedlungsareal aus (vgl. Zschieschang 2007, S. 78-80; Zschieschang [im Druck]). Dieses nutzte die siedlungsgünstigen Niederungsgebiete an der Neißemündung und der unteren Lubst. In späterer Zeit, jedoch noch vor dem Einsetzen des hochmittelalterlichen Landesausbaus, kam es zu umfangreichen Siedlungserweiterungen in alle Richtungen, soweit es das naturräumliche Um¬ feld zuließ, insbesondere aber nach Südosten, der Lubst flussaufwärts folgend. Die Forschungsmethodik, die diesen Verbreitungskarten zugrunde liegt, lehnt sich eng an die zahlreichen Studien der Leipziger Onomastik zu verschiede¬ nen Regionen an.1 1 Diese hier darzustellen oder nur zu skizzieren, würde den Rahmen dieses Beitrages sprengen. Daher kann hier nur auf die wichtigsten Arbeiten verwiesen werden: Walther 1967; Eichler/Walther 1970, S. 75-90: Eichler/Walther 1984, S. 64-75; Hengst 2003, S. 30-34; Donat/Reimann/Willich 1999, S. 62-112; Brachmann/Fos- ter/Kratzke/Reimann 2003, S. 101-141. 589