Irmtraut Heitmeier Toponymie als Spiegel von Politik und Raumorga- nisation Zur Namenlandschaft des Tiroler Raumes in rö¬ mischer und frühmittelalterlicher Zeit Mehrschichtige Namenlandschaften in Sprachgrenz- und Begegnungsräumen werden üblicherweise als Produkte sprachlicher Kontakt- und Ausgleichs¬ phänomene verstanden, die Ursachen für Konstanz oder Verlust älterer Namen in der Konkurrenz verschiedensprachiger Bevölkerungsgruppen und ihren jeweiligen Kommunikationsmöglichkeiten gesucht. Dass sich über die sprachliche Seite hinaus auch herrschaftlich-organisatorische Bedingungen im Namenbild niederschlugen, wurde für das frühe Mittelalter in Zusammenhang mit der Einrichtung königlicher Villikationen, mit Fiskalgutverwaltung sowie allgemein im Kontext des Landesausbaus auf breiter Basis beobachtet.1 Bezogen auf die vordeutsche Namengebung sowie auf deren Erhalt über den Sprachwechsel der Bevölkerung hinaus fanden derartige Einflüsse bisher jedoch weniger Beachtung, auch wenn längst die Übereinstimmung von Kon¬ tinuitätszonen mit Altstraßen, römischen Kastellen und ehemaligen civitas- Mittelpunkten auffiel. Das gilt für die Moselromania um Trier und Metz ebenso wie für die Basler oder Salzburger Romania.2 Auch der Nordtiroler Vgl. Nitz, Hans-Jürgen: „Siedlungsstrukturen der königlichen und adeligen Grund¬ herrschaft der Karolingerzeit der Beitrag der historisch-genetischen Siedlungsgeo¬ graphie“, in: Werner Rösener (Hg.): Strukturen der Grundherrschaft im frühen Mittelalter (Veröffentlichungen des Max-Planck-lnstituts für Geschichte 92), Göttingen 1989, S. 411-482; Jochum-Godglück, Christa: Die orientierten Sied¬ lungsnamen auf-heim, -hausen, -hofen und -dorf im frühdeutschen Sprachraum und ihr Verhältnis zur fränkischen Fiskalorganisation, Frankfurt am Main 1995. Als Fallbeispiele: Haubrichs, Wolfgang: „Gelenkte Siedlung des frühen Mittelalters im Seillegau“, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 30 (1982) S. 7-39; Ders.: „Das palatium von Thionville/Diedenhofen und sein Umland im Spiegel frühmittelalterlicher Siedlungsnamen und Siedlungsgeschichte. Eine toponomasti- sche und interferenzlinguistische Studie“, in: Jens Haustein / Eckhard Meineke / Norbert Richard Wolf (Hg.): Septuaginta quinque. Festschrift für Heinz Mettke (Jenaer germanistische Forschungen N.F. 5), Heidelberg 2000, S. 171-189. So bereits: Buchmüller, Monika / Haubrichs, Wolfgang / Spang, Rolf: „Namenkon¬ tinuität im frühen Mittelalter. Die nichtgermanischen Siedlungs- und Gewässer¬ namen des Landes an der Saar“, in: Zeitschrift für die Geschichte der Saargegend 34/35 (1986/87) S. 24-75, hier S. 48: „Es ist auch deutlich, daß die römischen Alt¬ straßen, die Vici, Kastelle und spätrömischen Bergbefestigungen eine Rolle für die galloromanische Bevölkerungskontinuität im frühen Mittelalter gespielt haben.“ Neuerdings im Überblick: Haubrichs, Wolfgang: „Die verlorene Romanität im 479