Ernst Eichler Die Germania Slavica und Germania Romana im toponymischen Vergleich 1. Sprachlicher Ausgang In der vergleichenden Sprachwissenschaft, die im 19. und 20. Jahrhundert so intensiv gepflegt wurde, haben namenkundliche Fragen eher eine geringe Rol¬ le gespielt. Eigennamen standen am Rande und wurden für Vergleiche kaum herangezogen. Erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts sind bestimmte Aufgaben gestellt worden, die die Einbeziehung von Namen als produktiv und ertrag¬ reich ansahen. Ein historisches Sprachgebiet wie das deutsche - hier das mittelalterliche - war sprachlich nicht homogen, sondern vielmehr heterogen. Betrachten wir es nach den verschiedenen Richtungen, stehen folgende Kon¬ taktgebiete als Forschungsfelder vor uns: 1. das germanisch-romanische Kon¬ taktgebiet - die Germania Romana (GR) mit ihren weiteren Unterglie¬ derungen, 2. das deutsch-slavische Berührungsgebiet - die Germania Slavica (GS) von der Ostsee bis zur Adria, 3. das Kontaktgebiet des skandinavischen Raumes, das Kontaktprobleme innerhalb des Germanischen, so des Nieder¬ sächsischen zu den nordischen Sprachen bietet, schließlich der Mittel¬ meerraum. In diesem Beitrag sehen wir die Germania Romana und die Germania Slavica unter dem Blickwinkel eines möglichen toponymischen Vergleichs, den wir schon früher angestrebt haben. Betrachten wir das deutsche Sprachge¬ biet von heute, so erkennen wir sehr bald, dass an seinen Randzonen mannig¬ fache Berührungen mit anderen Sprachen abgelagert sind, dies kann als eine Universale gelten. Weil das Sprachsystem Appellative und Namen umfasst, betrifft dies nicht nur die Lehnwortforschung, sondern auch die Namenfor¬ schung als Anliegen der Sprachkontaktlinguistik. Unser Thema ist nur ein Ausschnitt aus diesem mannigfachen Teppich europäischer Sprachkontakte in ihren unterschiedlichen Räumen und Zeiten. Es bleibt zunächst nur am Rande, aber mit ständig wachsender Geltung auf Grund ihrer Aussagekraft - einge¬ bunden in das Konzept der historischen Landeskunde, die im westlichen und östlichen deutschen Sprachbereich etabliert und ausgeformt wurde: in den zwanziger Jahren von Theodor Frings unter Beteiligung am Gemeinschafts¬ werk Kulturströmungen und Kulturprovinzen in den Rheinlanden. Geschichte Sprache - Volkskunde (1926); ein Jahrzehnt später erschien das Werk Kulturräume und Kulturströmungen im mitteldeutschen Osten (1936), mit ein¬ gehenden Bemühungen, die multidisziplinäre Forschung der Rheinlande auf den Osten zu übertragen, also auf das historische slavische Sprachgebiet. In mehreren Beiträgen wurde auch der Namenschatz in seiner Aussagekraft be¬ fragt. Der Leipziger Germanist Helmut Protze hat Frings’ Interesse an der Na¬ menforschung eingehend gewürdigt (Protze 1957). Worum es bei der Zusam- 391