Eine zweite Gruppe bilden letztlich die sekundären toponymischen Hybride mit Angleichungen der ursprünglich altsorbischen Ortsnamen im Zweitele- ment an deutsche Appellativa, die aber in deutschen Ortsnamen nicht Vorkom¬ men. Es sind die im Integrationsprozess also sekundär entstandenen Ortsna¬ men auf -rose, -schätz, -schütz, -wein und -zahn, vgl. z.B. Dobraschütz bei Altenburg, aso. etwa *Dobrasovici ,Ort der Leute eines Dobras\ 1336 Dobirschicz, Doberzcicz, 1445 Dobirschicz, 1533/34 Doberschicz, 1557 Doberschitz. 6. Welche soziolinguistisehen beziehungsweise sozioonomastischen Feststel¬ lungen sind zum Verlauf des Interferenzgeschehens möglich? 6.1. Die rekursive onymische Analyse zu den ursprünglich slawischen Ortsna¬ men geht von den heutigen Ortsnamen in der neuhochdeutschen Sprache aus und kann dabei unterscheiden nach amtlicher Form, umgangssprachlicher Form sowie Mundartform. Die Ortsnamen-Tradierung lässt sich allgemein weiter zurückverfolgen durch die historischen Aufzeichnungen von Ortsna¬ men über die frühneuhochdeutsche Zeit bis hin in die mittelhochdeutsche be¬ ziehungsweise mittelniederdeutsche Sprachperiode mit Kanzleischreibungen sowie auch mundartnahen Aufzeichnungen. Besonders wertvoll sind letztlich die frühen Ortsnamen-Formen in Urkunden und Steuerverzeichnissen aus alt¬ hochdeutscher beziehungsweise altsächsischer Zeit. Sie sind so wichtig, weil sie Zeugnisse aus der frühen Kontaktphase mit den Sprechern der altsorbi¬ schen - und im Norden der altpolabischen (aplb.) - Sprache sind. Die Ortsna¬ men-Formen in lateinischen und deutschen Texten aus den Quellen sind dann als Fremd- oder als Lehnnamen die Grundlage zur Rekonstruktion der slawi¬ schen, also altsorbischen oder altpolabischen Ortsnamen. 6.2. Die zeitliche Differenzierung ist beachtenswert: Für die Zeitspanne von etwa 600 bis 900 nach Christus ist die Zahl der Ortsnamen-Belege recht bescheiden. Es ist dies die Zeit, in der Slawen und Deutsche über Handelsbe¬ ziehungen und politisch-militärische Bündnisse miteinander kontaktierten. Nach 930 aber wurden die Kontakte massiv verstärkt infolge militärischer Be¬ satzung, durch den Aufbau deutscher Verwaltung, durch Christianisierung und auch dichtere Handelsbeziehungen. Vom 12./13. Jahrhundert an tritt zusätz¬ lich durch deutsche bäuerliche Siedlerströme, also durch deutsche Zusiedlung und gemeinsame deutsch-slawische Rodetätigkeit in der Zeit des Landesaus¬ baus, eine besondere Verstärkung der Kontakte im sprachlichen Bereich hinzu. 6.3. Nach den umrissenen Zeiträumen sind auch unterschiedliche Träger des Sprachkontakts zu berücksichtigen. Die unterschiedlichen Kommunikations¬ situationen lassen sich knapp etwa folgendermaßen kennzeichnen: 6.3.1. Präkolonisatorische Zeit: bis Anfang 10. Jahrhundert: deutsche Herrschaftsträger + Händler indivi- 355