Peter Wiesinger Die Zweite Lautverschiebung im Bairischen anhand der Ortsnamenintegrate Eine lautchronologische Studie zur Sprach- und Siedlungsge¬ schichte in Bayern, Österreich und Südtirol 1. Einleitung Obwohl in der Sprachgeschichte der Sprachwandel und insbesondere der Lautwandel vielfach bloß anhand der schriftlichen Überlieferung beobachtet und erforscht wird, ja von manchen germanistischen Sprachwissenschaftlern in positivistischer Weise fast ausschließlich auf solche Weise betrieben wird, bieten in einst mehrsprachigen Gebieten auch im Sprachkontakt übernommene Ortsnamen, und zwar in erster Linie Gewässer- und Siedlungsnamen, teilweise aber auch Flur-, Wald-, Tal- und Bergnamen aufschlussreiche Quellen zur Beobachtung von Lautübernahme-, Lautersatz- und Lautwandelprozessen. Das gilt vor allem für die Frühzeit noch vor Beginn der schriftlichen althochdeut¬ schen Überlieferung im ausgehenden 8. Jahrhundert und betrifft besonders die Fragen der Zweiten Lautverschiebung, die in den überlieferten Texten bereits zur Gänze auftritt und daher in der davor liegenden Zeit durchgeführt worden ist. Für den bairischen Raum Altbayems (Ober- und Niederbayern, Oberpfalz), Österreichs und Südtirols, der in der Antike bis zur Altmühl und Donau zum Römerreich gehörte und die Provinzen Rätien westlich und Noricum östlich des Inns sowie östlich des Wienerwaldes und des Wechsels den Westrand Panno¬ niens umfasste, besteht bezüglich der antiken Namentradiening eine räumliche Zweiteilung, ln der Westhälfte des Donau- und Alpenraumes mit Ober- und Niederbayern, Nord- und Südtirol, dem westlichen Salzburg und dem westli¬ chen Oberösterreich bis zur Krems erfolgte die direkte antik-romanische Tra- dierung ins Bairisch-Deutsche. Dagegen wurde die Osthälfte mit Osttirol, Kärnten, der Steiermark, dem südlichen Salzburg, dem östlichen Oberöster¬ reich, Niederösterreich und dem Burgenland seit dem Ende des 6. Jahrhunderts zunächst von Slawen besiedelt, ehe dann die Baiem vordrangen und es all¬ mählich zum Sprachwechsel der Slawen kam, so dass die allerdings nur weni¬ gen, hauptsächlich auf Gewässernamen beschränkten antik-romanischen Tra¬ dierungen über eine slawische Zwischenstufe erfolgten und es bloß in Nieder¬ österreich einige Namen mit unmittelbarer Tradierung ins Bairisch-Althoch¬ deutsche gibt. Wie im Westen die Romanität in Nord- und Südtirol sowie im Umkreis der Stadt Salzburg längere Zeit fortbestand, war es im Osten das Sla¬ wische, so dass es in beiden Bereichen zu zeitlich gestuften, doch lautlich ver¬ wandten Formen der Integrierung romanischer bzw. slawischer Ortsnamen kam. 163