Der Name des zweiten Sohnes neben Agricola ist Ecdicius (Nr. 3 in PLRE II S. 383f.). Er hat im Lateinischen überhaupt keine Tradition, sondern begeg¬ net erst spät und selten im griechischen Kontext (RE V, Sp. 2159f.; Pape- Benseler 1959, S. 340; Ekdikos: LG PN 111 A, S. 138). Ihm liegt das grie¬ chische £KÖiKO(; ,gesetzlos; rächend, Rächer1 zugrunde, das auch als Bezeich¬ nung für einen Prozessbevollmächtigten vor Gericht und später für einen byzantinischen Beamten benutzt wird (defensor, Lallemand 1964, S. 114- 118). In Gallien gibt es eine Entsprechung zum ,Rächer1 in den häufigen Bil¬ dungen mit dT-vic- ,rächen, strafen1 (altirisch di-fich, OLG S. 145f.; KGPN S. 194f.), von denen die Namen Diviciacus und Divico durch Caesars Kommen¬ tare am bekanntesten sind. Für die spezielle Bedeutung ,Anwalt4 kann auf die zahlreichen Bezeichnungen mit britu- ,Urteil, Entscheidung, Gedanke4 (Brit(t)us, Britto, Britto-marus usw., DLG S. 89) und vielleicht barnauno- ,Richter4 (Barna, Barnaeus, DLG S. 68, oder semitisch?) verwiesen werden, deren ursprüngliche juristische Funktion uns allerdings verborgen bleibt. Ecdicius ist auch einer der Namen des Bischofs von Vienne und bekannten Kirchenschrifitstellers Alcimus Ecdicius Avitus (ca. 450/60-523, PLRE II S. 195f.). 4. Einige Schlussfolgerungen aus den onomastischen Inter¬ ferenzen im 5. Jahrhundert 4.1. Die Auswahl der Benennungsmotive In beiden Familien, der des Sidonius und der des Avitus, hat es den Anschein, dass viele Interferenznamen auf eine alte Domäne des gallischen Adels hinweisen: das Kriegshandwerk. Kampf (agri/o-), Stärke (alkimos), furor (ro/usco-) liefern hierfür deutliche Hinweise. Andere erwünschte Eigenschaf¬ ten der Aristokratie sind Führungsanspruch (eparchos), Richten/Rächen/Stra¬ fen (ekdikos), Freigebigkeit (suvero- ?) und Stabilität (sido- ?). Ganz allge¬ mein gehalten ist der Ausdruck ,Wunschkind4 (avito-). Die Assoziationen schließlich, die mit Apollinaris und Papianilla verbunden gewesen sein könnten, bleiben unklar. Diese offensichtlich sorgfältig ausgewählten, mitunter sehr seltenen Eigen¬ namen setzen eine gewisse Vertrautheit mit dem gallischen onymischen Lexi¬ kon und der Wortbildung voraus. Es kann sich nicht (nur) um lang tradierte ,fertige4 Namen handeln, da einige erst im 4. Jahrhundert aufgekommen sind (Talisius0, Ecdicius) oder außerordentlich selten begegnen (Euromius0, Epar- chius). Der Befund der beiden Familien aus der zweiten Hälfte des 5. Jahrhun¬ derts ähnelt dem der gens Ausoniana (Namen mit °) rund ein Jahrhundert zuvor. Hier wie dort gibt es ausgefallene noms d’apparence latine (Arborius0, Contemtus0, Regulus0 - Roscia, Sidonius) und griechisch aussehende Namen ohne nennenswerte onomastische Tradition (Callippio0, Dryadia°, Megentira0 - Ecdicius, Eparchius). Offenkundig keltische Namen (wie Namia0, Talisius0) 20