Jürgen Zeidler Gallia Celto-Romanica. Onomastische, sprachliche und kulturelle Interferenzen in Gallien während der Römischen Kaiserzeit 1. Kulturelle Interferenzen und ,Romanisierung‘ Nach gängiger Meinung haben sich die gallischen Provinzen nach der römi¬ schen Eroberung 58-51 v. Chr. verhältnismäßig schnell und in hohem Maße für die Kultur der Römer geöffnet. Nur etwa ein Jahrhundert lang hat es Ten¬ denzen gegeben, die fremde Herrschaft durch Aufstände abzuschütteln. Im 1,- 2. Jahrhundert ist es rasch zu einer weitreichenden kulturellen Angleichung an Italien gekommen. In der aktuellen Diskussion versteht man unter dem Begriff Romanisierung allerdings nicht mehr in erster Linie das Bestreben der lokalen Bevölkerung, der hauptstädtischen Kultur nachzueifern, sondern man betont stärker die Gegenseitigkeit der Annäherung. Neben unbestrittenen Reaktionen auf die Eroberung ist oft zu beobachten, dass die provinziale Kultur gleich¬ zeitig neben die der Metropole tritt. Dieses Konzept trägt, trotz der vielen Ge¬ meinsamkeiten einer sich etablierenden kulturellen Koine, der Genese regio¬ naler Kulturen verstärkt Rechnung (DNP X Sp. 1122-1127; darüber hinaus: Co$kun 2005; Schömer 2005; Noelke 2003; Woolf 2003; Haffner 2000). So vertritt die provinzialrömische Archäologie die Auffassung, dass typische Erscheinungen wie der gallorömische Umgangstempel nicht nur als Imitation klassischer Bauformen, aber auch nicht einfach als Adaption kel¬ tischer Vorläufer erklärt werden können, sondern etwas Neues darstellen, das sich erst während der römischen Periode herausgebildet hat (Altjohann 1995; Fauduet 1993). Eine Synthese unterschiedlicher architektonischer Traditionen ist auch bei den gallischen Villae rusticae zu beobachten. In Mayen konnte eine kontinuierliche Bebauung von der Latene- bis in die späte Kaiserzeit nachgewiesen werden. Die lokale Entwicklung des Bautyps, eines von zwei turmartigen Gebäuden flankierten Querhauses mit Fassadenvorbau, konnte an¬ hand dieses Befundes glaubhaft gemacht werden (Mylius 1929). Der Über¬ gang vom latenezeitlichen Wohnhaus mit schmaler Vorderseite zum gallorö- mischen Wohnhaus (sogenanntes Streifenhaus) konnte auf dem Titelberg ver¬ folgt werden und verbindet damit auch die Traditionen bei den einfacheren Wohnbauten miteinander (Ditmar-Trauth 1995, S. 16-20; Goethert 2004). Auf dem Gebiet der Religion wird, entgegen der älteren Annahme von kel¬ tischen Vorstellungen und Gebräuchen ,in römischem Gewände4, ebenfalls zunehmend mit einer ,Neuentstehung4 argumentiert (Cancik 2003; Spicker¬ mann 2004). Selbst bei der Ausformung des gallischen Pantheons wird römi¬ scher Einfluss geltend gemacht (Maier 2001, S. 86). Für die Synthese von Be¬ stattungsbräuchen gibt es ein beredtes Zeugnis im sogenannten Lingonentesta- 7