weise hohen Zahlen steht die These vom "Vereinscharakter" saarländischer Gewerkschaften gegenüber, die von Klaus-Michael Mailmann für die Verhält¬ nisse vor 1935 wie von Kotthoff und Ochs für die Situation vor dem Beitritt zur Bundesrepublik vertreten wird.4 Es gibt keine Indizien, sie in Frage zu stellen. Bestehen keine Zweifel über die geringe Anzahl hauptamtlicher Gewerkschaftsfunktionäre im Saarrevier, fehlte doch eine straffe Organisation mit einer entsprechenden Kontrolle und Pflege des Beitragsaufkommens ebenso wie gewerkschaftliche Schulungseinrichtun¬ gen. Die gewerkschaftliche Präsenz in den Betrieben war vergleichsweise schwach. Dies galt vor allem für die Betriebsratsaktivität auf den Hütten. Der Erste Weltkrieg führte zum Aufstieg der Arbeiterbewegung und der freien Gewerkschaften an der Saar. Mit dem Hilfsdienstgesetz vom 5. Dezember 1916 wurden die Gewerkschaften als wirtschaftliche Organisationen anerkannt und damit auch das Koalitionsrecht in den Gruben des Saarreviers durchgesetzt. Die Arbeit und Mitgliedschaft in Gewerkschaften und Sozialdemokratie war damit legalisiert und hatte keine Entlassung mehr zur Folge. Valentin Schäfer, Vorsit¬ zender der SPD im Saargebiet, stand dem Arbeiter- und Soldatenrat in Saar¬ brücken vor, die Novemberrevolution und Rätebewegung hatte das Saargebiet bis in kleinere Orte erfasst und veränderte langfristig die Rahmenbedingungen für die Entwicklung der Sozialdemokratie. Sie war sowohl durch das Stumm'sche System unterdrückt worden wie auch durch den preußischen Bergfiskus, hier insbesondere durch Bergwerksdirektor Hilger.5 Neben der politischen Bevor¬ mundung hatte ein ausgeprägtes Spitzelwesen bestanden, das politisches und gewerkschaftliches Engagement der Arbeiter behinderte und im patriarchalischen System nur dem gehorsamen und unpolitischen Arbeiter die sozialen Leistungen des Unternehmers zugute kommen ließ. Mit dem Ersten Weltkrieg setzte ein psychologischer Umschwung ein, getragen von 1loffnungen auf eine bessere Zukunft. Der Verband Deutscher Bergarbeiter (BAV) wurde innerhalb weniger Monate zur Massenorganisation, die ca. 1900 Mitglieder Ende 1917 bekamen drastische Verstärkung, Ende 1918 waren 19.000 Bergleute Mitglied. Der mit dem Ende des Ersten Weltkrieges einsetzende Demokratisierungsschub stärkte vor allem die freien Gewerkschaften im Saarrevier nachhaltig. Die Mitgliederzah¬ len der im Allgemeinen Deutschen Gewerkschaftsbund (ADGB) vertretenen Gewerkschaften wuchs zwischen 1912 und 1919 um 2300%. Die schwierige Versorgungslage des Saargebietes, das auf Nahrungsmittel von außen angewie¬ sen war, belastete besonders die Arbeiter und förderte ihre gewerkschaftliche 4 Klaus-Michael Mallmann u. Horst Steffens, Lohn der Mühen. Geschichte der Bergarbeiter an der Saar. München 1989, S. 254; Hermann Kotthoff u. Peter Ochs, Mitbestimmung an der Saar. Sozialgeschichte der Mitbestimmung in den Saarhütten und im Saarbergbau. Köln 1988, S. 44. 5 Hans-Walter Herrmann u, Hanns Klein, Zur sozialen Entwicklung im Landkreis Saar¬ brücken, in: Grenze als Schicksal. 150 Jahre Landkreis Saarbrücken, hrsg. von der Kreisver¬ waltung des Landkreises Saarbrücken. Saarbrücken 1966, S. 137. 303