und Aktivitäten der Arbeiter einbezog. Gerade weil die Arbeiterschaft im Kaiser¬ reich in viel stärkerem Maße als in den westeuropäischen Demokratien politisch und sozial ausgegrenzt war, konnte sich ein sozialdemokratisches Arbeitermilieu entfalten, für dessen Angehörige es zur Selbstverständlichkeit wurde, den Freizeitaktivitäten innerhalb von Arbeiterorganisationen - und nicht als Mit¬ glieder bürgerlicher Organisationen - nachzugehen.Is Der geringe Ausprägungsgrad eines sozialistischen Milieus in Frankreich lässt sich vor allem auf die vielfältigen Überschneidungen von Sozialismus und Republikanismus zurückführen. Erst nach dem Zusammenschluss der verschie¬ denen sozialistischen Gruppierungen zur Parti socialiste - Section française de l'Internationale ouvrière (SFIO) im Jahre 1905 und im Zusammenhang mit der 1904 einsetzenden Verschärfung der sozialen Spannungen in einer Phase der beschleunigten Proletarisierung größerer Bevölkerungsteile zogen die Soziali¬ sten eine klarere Trennlinie zur Parti radical, die in der Regierungsverantwortung stand und die Forderungen der Arbeiterklasse nicht genügend berücksichtigte.18 19 Gleichwohl blieb die SFIO in gleichem Maße eine tragende Kraft des Republika¬ nismus wie sie eine die Arbeiterinteressen vertretende politische Oppositions¬ partei war. Den Abgrenzungen von der Radikalen Partei standen Verbindungen gegenüber, die sie mit ihr einging.2'1 Die nur partielle politische Sonderstellung der Sozialistischen Partei entsprach der relativen Integration der Arbeiterschaft in die Gesellschaft, die, neben dem spezifisch republikanischen Nationalismus21, vor allem durch den im Vergleich zu Deutschland höheren Grad der politischen Partizipation gefördert wurde. Durch das 1871 für die männliche Bevölkerung eingeführte allgemeine Wahl¬ recht konnten sich die Arbeiter an den Wahlen zum Parlament beteiligen, wobei im Vergleich zu Deutschland der entscheidende Punkt war, dass die konkrete politische Machtausübung von der Sitzverteilung in der Assemblée nationale abhing. Der Deutsche Reichstag spielte hingegen nur eine untergeordnete Rolle im politischen System des Kaiserreichs, wodurch die großen Wahlerfolge der 18 Vgl. Dick Geary, Arbeiterprotest und Arbeiterbewegung in Europa 1848-1939. München 1983, S. 45-65; Gerhard A. Ritter u. Klaus Tenfelde, Arbeiter im Deutschen Kaiserreich 1871-1914. Bonn 1992. 19 Rébérioux (Anm. 8), S. 100-110. 20 Vgl. den Beitrag von Heinz-Gerhard Haupt. Republikanische Sozialisten und soziale Republikaner. Zur politischen Strategie der französischen Arbeiterbewegung zwischen 1880 und 1914 im internationalen Vergleich, in: Geschichte und Gesellschaft 20 (1994), S. 519- 532. Der Titel ist kennzeichnend. 21 Das Bekenntnis zur französischen Nation wurde als gleichbedeutend mit der Befürwortung des republikanischen Systems propagiert, die nationale Gemeinschaft wurde als "République une et indivisible" definiert, als Zusammenschluss der sich mit der republikanischen Verfassung identifizierenden Bürger (citoyens). Diese Form des Nationalismus hatte eine positive integrative Wirkung auf die Arbeiter, im Gegensatz zum in Deutschland dominie¬ renden, politisch konservativen Nationalismus, für den die Verunglimpfung der Sozialdemo¬ kraten als "vaterlandslose Gesellen" charakteristisch war. 257