genommen, sondern als Abweichung von der reinen Lehre der Verschuldens¬ haftung betrachtet.19 Umgekehrt ließ sich jedes Urteil, das Ausnahmen von der strengen Haftung vorsah, als Bestätigung des Verschuldensgedankens inter¬ pretieren. Mit dieser Rezeption gehen systematische Verwerfungen einher, die um so gravierender wurden, weil in dieser Zeit der Systemgedanke im Recht in Frankreich an Boden gewann. Zudem wurde die Frage politisch aufgeladen und das Verschulden als grundlegendes Haftungsprinzip mit liberalistischem Denken verknüpft, während jede Lösung, die sich in der älteren Tradition be¬ wegte, gegen den Vorwurf des Sozialismus kämpfen mußte.20 Das Bedeutungs¬ lehnwort faute hat offensichtlich die Tücke, daß es auch andere Begriffsinhalte trug, die nie völlig aufgegeben wurden.21 Das zeigt sich, wenn man den alten Ansatz der Haftungsbegründung aufgrund der Verletzung von Verkehrs¬ pflichten verfolgt, denn man stellt bald einmal fest, daß die Rechtsprechung immer wieder zu dieser Linie fand und zwar nicht erst im Entscheid der Cour de cassation vom 16.6.1896, der damals als wegweisende Abkehr vom Verschuldensprinzip bei der Beurteilung von Arbeitsunfällen empfunden wurde. Je stärker die Debatte fortschritt und der Berg an Literatur zunahm, desto verwirrender aber wurden die dogmatischen Linien im unübersichtlichen Feld der Meinungen, was bis heute Spuren zeigt. Die französische Literatur läßt sich nämlich ohne die zeitgenössische deutsche Literatur wohl lesen, nicht aber verstehen.22 19 Wie selbstverständlich die Lehre von der ursprünglichen Konzeption des französischen Deliktsrechts als Verschuldenshaftung im modernen Sinne gegen Ende des 19. Jahrhunderts war, zeigt Planiol, Marcel: „Études sur la responsabilité civile“, in: Revue critique de législation et de jurisprudence 1905, 277-292, der auf dieser Grundlage die rechtspolitischen Vorschläge von Saleilles (Anm. 3) kritisiert. 20 Instruktiv ist hier die besonnene Interpretation des Code civil durch Tissier, Albert: „Le Code civil et les Classes ouvrières“, in: Le Code civil ~ 1804-1904. Livre du centenaire, Bd. 1, Paris 1904, S. 71-94. 21 Dazu sind instruktiv die Bemerkungen des Übersetzers Georges-Arthur Goldschmidt, die er in einem Interview gemacht hat (Neue Zürcher Zeitung 18./19. März 1995, S. 65): „Die Franzosen [...] können auch «Schuld» nicht übersetzen. Sie müssen zu einem ganz komplizierten Wort greifen, «culpabilité», stellen Sie sich mal vor, was das für ein Gebilde ist, bloss nicht zu gebrauchen. Oder «la faute», aber das ist schon wieder etwas anderes. Aber die Schuld. Ich fühle mich schuldig. «De quoi?» würde man im Französischen sofort fragen. Im Deutschen ist man schuldig an sich, wo es im Französischen unmöglich ist.“ 22 Nicht verwunderlich ist diese Gemengelage, über die schon ein Blick in die Fußnoten Aufschluß gibt, bei Saleilles (Anm. 3), der eine Brückenfunktion vom deutschen zum französischen Recht eingenommen hat, vgl. dazu die Angaben bei Motte, Olivier: Lettres inédites de juristes français du XIXe siècle, Bd. 2, Bonn 1990, S. 1579 ff. 372