zidiert interkultureller bzw. weltliterarischer Ausrichtung.13 Die Tatsache, daß Goethes „Weltliteratur“-Begriff nicht nur europäische Literaturen einschließt - man verweist insbesondere auf seinen West-östlichen Divan -, wird in neueren Debatten gern wie ein Politikum registriert. Auch André Gides Interesse für den deutschen Klassiker hat mehr mit Goethes Konzept der kulturellen Öffnung und der Neugierde für das Fremde zu tun als mit stofflichen Aspekten. So zi¬ tiert Gide das berühmte Goethe-Wort aus den Wahlverwandtschaften: „Es wan¬ delt niemand ungestraft unter Palmen, und die Gesinnungen ändern sich gewiß in einem Lande, wo Elefanten und Tiger zu Hause sind“.14 Goethe verknüpft mit diesem Bild eher eine allgemein-psychologische Bedeutung. Gide hingegen bezieht die im Zitat ausgedrückte Idee der Begegnung mit dem Fremden und Anderen auf die Beziehung zwischen Autoren und schreibt: „[...] je veux dire qu’à part de malheureuses exceptions, voyage forcé ou exils, on choisit d’ordinaire la terre ou l’on veut voyager; [...]“15 Daß hier zentrale Aspekte des Kulturkontaktes unreflektiert bleiben, liegt auf der Hand. Erst zwischen den Weltkriegen entwickelt sich bei Gide eine stärker politisch motivierte Denkweise, die einerseits als Reaktion auf die innereuropäischen Konflikte, vor allem zwischen Frankreich und Deutschland, zu verstehen ist,16 andererseits ein über Europa hinausgehendes interkulturelles Bewußtsein wenigstens andeu¬ tungsweise vermittelt. Ich erinnere hier an Gides Afrika-Berichte über den Kongo und den Tschad: Wenn der Autor beschreibt, wie er in Afrika Goethes Wahlverwandschaften liest, so mag das jedoch weniger mit kultureller Hybri- dität als mit dem damaligen humanistischen Kanon-Bewußtsein zu tun haben. Dieses Kanon-Bewußtsein läßt sich bei Gide auch auf textueller Ebene nachwei- sen. Ein Prosa-Stück wie Le Prométhée mal-enchaîné (1899) ist gewissermaßen die Applikation seiner Theorie von Einfluß und Hybridisierung. Wer ein fremdes Werk gelesen hat, sagt Gide, ist danach nicht mehr derselbe, wie immer der Rezeptionsvorgang - bewußte Bearbeitung, Verschmelzung mit dem Eigenen usw. - konkret aussehen mag: „Je ne peux redevenir celui que j’étais avant de l’avoir lu.“17 Zwar hat Gide sich am Kanon orientiert, hat Aischylos, Goethe, Shelley, Rousseau, Nietzsche und Dostojewski gelesen, wobei er sich zutraut, fast ohne deutsche Sprachkenntnisse, Goethes Prometheus-Ode zu übersetzen (Tagebuchnotiz). Aber die feste Verankerung des Prometheus- Mythos im kulturellen Gedächtnis Europas zur Zeit der Jahrhundertwende war für Gide gleichzeitig eine Herausforderung, die geistige Schwere des Themas 13 Vgl. hierzu Birus, Hendrik: „Goethes Idee der Weltliteratur: Eine historische Vergegen¬ wärtigung“, in: Manfred Schmeling: Weltliteratur heute. Konzepte und Perspektiven, Würzburg 1995, S. 5-28. 14 Goethe: „Wahlverwandtschaften“, 1993, S. 416. 16 Gide: Prétextes, 1903, S. 13. 16 Gide: „Réflexions“, 1919, S. 35ff. 17 Gide: Prétextes, 1903, S. 14. 356