nieren konnte. Auf den Spaziergang wurde ganz ausdrücklich in den Erläu¬ terungen hingewiesen. Doch wie schon bei den Gärten, die nicht von allen Bürgern als Ziergärten begriffen wurden, mußte auch die „richtige“, das heißt bürgerliche Nutzung der öffentlichen Parkanlagen erst noch den alten Stadtbürgem beigebracht werden. Da beschwerte sich ein Stadtbaumeister um die Jahrhundertwende, daß zu Fronleichnam die Leute ohne Hemmungen im Park Blumen pflückten und der Park anschließend ziemlich gerupft wirkte.22 In der Propagierung des Sonntagsspaziergangs dokumentierte sich aber auch die stärkere Trennung von Berufs- und Privatwelt. Diesem Ziel diente in Deutsch¬ land auch die Einführung der „Sonntagsruhe“, also des Verbots, an Sonntagen die Geschäfte offen zu halten. Als der Reichstag die Gewerbeordnung refomiert hatte, führte dies 1892 zur Einführung der Sonntagsruhe sowohl in Landau als auch in Schlettstadt. Die Gewerbetreibenden, Händler und Handwerker in der Stadt konnten keinerlei Notwendigkeit für diese Vorschrift erkennen. Sie ver¬ wiesen darauf, daß Landau das Hinterland versorge. Landarbeiter und andere Dorfbewohner konnten nur sonntags in die Stadt fahren und Einkäufe erle¬ digen. Doch trotz der Sorge um die Geschäfte konnten auch die alteinge¬ sessenen Handwerker und kleinen Händler nur noch verhalten den neuen bürgerlichen Normen widersprechen. Ein Landauer Friseur beobachtete mit Freude, daß gleich am ersten verkaufsfreien Sonntag Väter mit ihren Familien spazieren gingen, was vorher für viele nicht möglich gewesen war.23 Die Einführung der Sonntagsruhe ist deshalb interessant, weil sie belegt, daß die bauliche Umgestaltung der Städte nur ein bestimmter, besonders wesentlicher Aspekt des gesamten bürgerlichen Wandels in den Kleinstädten gewesen ist. Sie zeigt auch, daß die bürgerlichen Normen über die rechte Lebensführung sich erst allmählich durchsetzten und nicht selbstverständlich waren. 3. Um zur Baupolitik zurückzukehren und damit zu meinem dritten Punkt zu ge¬ langen: Nachdem man geplant hatte, konnte und sollte der private Wohnungs¬ bau beginnen. Das Problem für die kleinen Städte bestand nun darin, daß ihre großzügig angelegten Stadterweiterungen zu geringe Resonanz fanden. Die Ratsherren, Bürgermeister und Stadtbaumeister hatten schöne Pläne aufgestellt, die erst von den privaten Bauherren ausgefüllt werden mußten. Doch in der erwarteten Zahl blieben sie aus, in Landau ebenso wie in Schlettstadt oder Beifort. 22 Archives Municipales Haguenau AR/47c, Stadtbaumeister Stoll, 3.6.1896. 23 Vgl. Stadtarchiv Landau AII/544, Tagebuch Landauer Ereignisse des Philipp Otto Emy 1866-1916, S.23-25. 42