gesäubert und statt dessen unterirdische Kanalsysteme und Wasserleitungen eingeführt werden.19 Wenn die Verbindung von Stadt- und Landleben angesprochen wurde, war damit vielmehr ein ganz neue, spezifisch bürgerliche Lebensform gemeint: das freistehende Einfamilienhaus mit Ziergarten. Dieser uns so vertraute Gedanke war neu. In Schlettstadt hielt das Bürgermeisteramt es für nötig vorzuschreiben, kein Obst und Gemüse im Vorgarten anzubauen. Dies hätte den im bürgerlichen Sinn harmonischen, als arbeitsfreien Raum ausgewiesenen Charakter der Vorgärten zerstört und war deshalb unerwünscht, allerdings als Norm noch nicht durchgesetzt.20 In Beifort unterschied sich die Situation von der Lage in Landau und Schlettstadt, denn die bürgerliche Stadtentwicklung war zunächst übersprungen worden. Die Stadt hatte sich in einer überschlagenden Entwicklung von der Festungsstadt unmittelbar zur Industriestadt entwickelt. Ein bürgerliches Wohnviertel gab es bis zum Jahr 1900 nicht. Das empfanden die Notabein, im Deutschen würde man von Honoratioren sprechen, offenbar als Manko. Deshalb wurde das bisherige Rayongelände zwischen der Westfront der Vaubanfestung und der Savoureuse für eine großzügige bürgerliche, geordnete Stadterweite¬ rung genutzt.21 Der städtische Architekt stellte einen Plan auf, der der Erweiterungsplanung in Schlettstadt sehr ähnelt. Orientiert an den Pariser Plänen, wie sie unter Georges Haussmann umgesetzt worden sind, bestand das Planungsprinzip in Sternplätzen mit entsprechend ausstrahlenden Straßen. Damit war in Paris das chaotische Geflecht von Gäßchen und Gassen durch¬ schnitten und in eine Hierarchie von Haupt- und Nebenstraßen geordnet wor¬ den. In Beifort sollte durch dieses erste öffentlich beplante Erweiterungsgebiet vor allem auch eine Verbindung zwischen den Faubourgs und der Altstadt her¬ gestellt werden. Dieses Ziel offenbart den Wunsch, die Dynamik der Stadt un¬ ter Kontrolle zu halten. So erwünscht sie auf der einen Seite war - wie sich in den Petitionen an den französischen Kaiser ebenso wie an den bayerischen König gezeigt hat - , so sehr wollten die Bürger diese Dynamik im Griff behal¬ ten. Dies äußerte sich in einer entschiedenen Ästhetisierung der Stadt. Sie stand für den Anspruch der bürgerlichen Eliten, die Entwicklung beeinflussen zu können. Man dokumentierte auf diese Weise, keinem unkontrolliert ablaufen¬ den Prozeß ausgeliefert zu sein. Die Stadt hatte nun nicht mehr nur Versorgungs- und Schutzfunktionen, son¬ dern sollte auch als Gesamtkunstwerk schön sein. Zu diesem Zweck legte man mit besonderer Vorliebe Parks an, an denen des Sonntags der Stadtbürger fla¬ 19 Vgl. Archives Municipales Sélestat 85/2. 20 Vgl. Archives Municipales Sélestat 85/, Bau-Ordnung/Règlement pour les constructions, vom 15.5.1875. Schlestadt/Schlettstadt 1875. 21 Vgl. Bourlier o.J., Bd. 1, S. 153f. - Archives Municipales Belfort INI. 41