Gerade für die Festungsstädte war die Diskrepanz zwischen der traditionellen Abgeschlossenheit der alten Stadt und dem modernen dynamischem Wachstum des neuen Bahnhofs sehr deutlich zu erkennen. Diese Situation treffen wir im Prinzip in Landau ebenso an wie in Sélestat und Beifort. Vor allem in Beifort entwickelten sich Faubourgs, die in keinem städtebaulichen Zusammenhang zur Altstadt standen. Dafür sorgte nicht nur die Vaubanfestung, sondern auch das Flüsschen Savoureuse, das die Vorstädte von der Altstadt trennte. Nach dem Deutsch-französischen Krieg verstärkte sich diese unterschiedliche Entwicklung von Altstadt und neuen Vorstädten. Bedingt durch den französischen Verlust des Elsaß zogen eine Reihe von bedeutenden Unternehmern aus Mulhouse, vor allem Dollfus und Koechlin sind zu nennen, in die nun grenznahe Stadt. Mit ihnen siedelten sich zahlreiche elsässische Arbeiter in Beifort an. Damit wuchs die alte Festungsstadt innerhalb kurzer Zeit zu einer kleinen Industriestadt. Die Dynamik der Faubourgs war mit Händen zu greifen und ging an der Altstadt spurlos vorüber. Eigentlich war Beifort zwischen 1871 und 1890 eine Doppelstadt diesseits und jenseits der Savoureuse.10 Um die Festungswerke als Hemmschuh wahmehmen zu können, mußte ein zweiter, naheliegender, aber in seiner Reichweite sozialgeschichtlich gesehen weniger fundamentaler Grund hinzukommen. Das Militär mußte bereit sein, die Anlagen Vaubans wegen ihrer strategischen Rückständigkeit aufzugeben. Wie überflüssig die Festungen für die Kriegsführung geworden waren, zeigte sich besonders deutlich in Beifort. Ruhmvoll konnten französische Truppen unter General Denfert-Rochereau die Festung halten. Der Lion de Beifort des aus Colmar stammenden Frédéric-Auguste Bartholdi, der auch die Freiheitsstatue in New York schuf, erinnert bis heute daran. Doch über die Köpfe von französi¬ schen Verteidigern wie von deutschen Angreifern hinweg wurde der Waffen¬ stillstand geschlossen. Beifort erhielt den Befehl, sich zu ergeben. Das war auch den Angreifern nicht so besonders angenehm, weil es ein für alle Beteiligten unspektakuläres, wohl deshalb auch als unehrenhaft empfundendes Ende der 104 Tage währenden Belagerung bedeutete: Mit hohem Respekt erkannten die Generäle auf deutscher Seite die standhafte französische Verteidigung an. Die europäische Kriegführung war weiter vorangeschritten als die Mentalität der Kriegführenden.11 Vor diesem Hintergrund erklärt sich, daß das bis dahin elsässische Beifort nicht annektiert wurde. Vielmehr wurde die Stadt im Austausch gegen einige Dörfer in Lothringen, die keineswegs - wie zuweilen vermutet - für den Kohlebergbau und damit die Stahlproduktion wesentlich waren, nach dem Frieden von Frankfurt im Mai 1871 von den deutschen Besatzungstruppen wieder ge¬ räumt.12 Das so bei Frankreich verbliebene Rest-Departement Haut-Rhin erhielt 10 Vgl. Panke 1994/1995, S. 20. 11 Vgl. Larger 1985, S. 241-254. - Belin 1871. 12 Vgl. Kolb 1993, S. 131f. 38