durch wenige Veränderungen „ins genealogische Gebäude deutscher Adelsgeschichte einbezogen.“8 Jan-Dirk Müller hat in seinen Studien zu Elisabeths Prosaromanen gezeigt, daß die Handschriften, die ihre Werke überliefern, „die gemeinschaftsbildenden und normbestätigenden Funktionen der Heldenepik bewahrt“ hatten9. In diesem Kontext werden Elisabeths Appelle an die Hörer/Leser und andere direkte Anreden, die eine an¬ wesende Hörergruppe voraussetzen, weniger als Unachtsamkeit der Übersetzerin, son¬ dern als Bewußtsein von der Zusammengehörigkeit der in deutscher Sprache vermittelten Epenwelt und der versammelten Hörergemeinschaft zu verstehen sein. In neueren Arbei¬ ten von j.-D. Müller und W. Haubrichs wurde nachgewiesen, daß sich eine Teilhabe der höfischen Hörergemeinschaft an der epischen Geschichtswelt nicht zuletzt in den Hand¬ schriften ausgedrückt hat. Dies gilt besonders für die durch Graf Johann III. in Auftrag gegebenen Prachthandschriften der Werke Elisabeths. Vor allem die Wappen geben Hin¬ weise, die über den Text hinausreichen; insofern unterscheiden sich die ,Botschaften* bei¬ der Medien, wenn sie auch eng aufeinander bezogen bleiben. In den Massenaufzügen und Kriegsszenen werden in den Illustrationen des ‘Loher’ und ‘Huge Scheppel’ Gruppen durch ihre Wappen gekennzeichnet, die im Text nicht erscheinen. Das Wappenprogramm setzt einen deutschen Rezipientenkreis voraus10. Wolfgang Haubrichs hat die Anregungen Müllers weitergeführt und die Bezüge „von Per¬ sonen des Epenzyklus, die Elisabeth teils neu einführte oder umbenannte, zum Saarbrü¬ cker Grafenhaus und zu den Lothringer Herzogen“ detailliert nachgewiesen. Er nennt dieses Verfahren, das die Verwandtschaft mit den Kapetingern und mit Karl dem Großen behauptet, „geistige Ansippung an die vornehmsten und ältesten Geschlechter des euro¬ päischen Hochadels“. Im Wappenprogramm der Prachthandschriften sei es dem Haus Nassau-Saarbrücken darum gegangen, seinen „Anspruch, mit den vornehmsten Häusern der deutschen und französischen Adelswelt verwandt zu sein, repräsentativ darzustel- len“11. Aus diesen neuen Einsichten ergibt sich auch eine differenziertere Abfolge der Re¬ zeption von Elisabeths Werken in Handschriften. Die erste Stufe repräsentiert die Pracht¬ ausgabe der Handschriften mit revidiertem Text, die Johann III. zwischen 1455 und 1462 in Auftrag gab. Prachtausgaben von Heldenzyklen und Prosaauflösungen von chansons de geste, die am burgundischen Hof zwischen 1447 und 1462 entstanden, könnten auf die Redaktion dieser Textstufe noch eingewirkt haben. Schließlich läßt sich die Diffusion von Teilhandschriften des Zyklus an südwestdeutschen und rheinischen Höfen von Nachbarn und Verwandten (‘Herpin’, ‘Loher und Maller’) als weitere Stufe der Handschriftenrezep¬ tion im Horizont der Kitterrenaissance ansetzen12. 8 Müller, Jan-Dirk: „Späte Chanson de geste-Rezeption und Landesgeschichte. Zu den Übersetzungen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken.“ In: Wolfram-Studien XI (1989), S. 206-226, hier: S. 208. 9 Wie Anm. 8, S. 209. 10 Wie Anm. 8, S. 214ff. Vgl. Haubrichs, Wolfgang: „Die Kraft von franckrichs wappen“ (wie Anm. 5). 11 Wie Anm. 5, S. 15ff. 12 Ebd., S. 18. 571