daß seit dem ausgehenden 12. Jahrhundert und intensiv seit dem frühen 14. Jahrhundert Laien die alte Sprachkultur zugunsten einer Schriftkultur ablösen. Allerdings vollzieht sich der Übergang vom Hören zum Lesen in langsamen Schritten. Manfred Günter Scholz hat die Auffassung vertreten, daß die in mittelalterlicher Epik zahlreichen Aufforderungen des Erzählers an seine Zuhörer, gut zuzuhören, nicht unbedingt als Indiz für die tatsächlich bestehende Kommunikation zwischen Vortragendem und Zuhörern gewertet werden müssen. Das so häufig verwendete „hoeren“ bedeutet auch „kennenlernen“ oder „erfah¬ ren“, so daß die von Elisabeth noch verwendeten „Audite-Formeln“ nur nach genauer Prüfung des Kontexts in ihrer spezifischen Bedeutung und Funktion zu fassen sind. Grundsätzlich gilt die Erkenntnis, daß alle „Literatur, die auf das Pergament oder Papier gelangt“, potentiell „Vortrags- und Leseliteratur zugleich“ ist4. Im Horizont dieser Frage¬ stellungen muß hier auch erwähnt werden, daß die Prosa von Elisabeths Übersetzungen wohl kaum noch mit der „Singstimme“ vorgetragen wurde, wenn sie überhaupt noch vorgetragen worden ist. Gerade bei diesem Genre ist schon früh mit Lesern zu rechnen. Im Umkreis von Elisabeth ist das Ausleihen von „Büchern“ belegt. Ihre der Literatur so günstige Erziehung hat sie gewiß motiviert, schon früh selbst zu lesen. Die Prachthand¬ schrift, die ihr Sohn Graf Johann III. von Nassau-Saarbrücken, in Auftrag gab, ist nicht zuletzt wegen der zusätzlichen Informationen durch die Illustration (Wappen) in erster Linie für die Lektüre von wenigen Privilegierten bestimmt gewesen5. Daneben muß es auch eine größere Zahl von ‘Gebrauchshandschriften’ gegeben haben, die entweder dem Vortrag oder der privaten Lektüre dienten. Solche Handschriften lagen den ersten Dru¬ cken zugrunde. Scholz vermutet die potentiellen Leser der epischen Literatur des Hoch¬ mittelalters — vor allem sind es zunächst Frauen6 — in folgenden Berufen und Schichten: Schreiber, die Dichter selbst, Angehörige des hohen und niederen Adels, vermögende Bürger (meist Kaufleute), aber auch religiöse Gruppierungen — wie die Katharer und Wal¬ denser — und selbstverständlich die Geistlichkeit. Folgt man diesen Untersuchungen von Scholz, so hat es bereits im 12. und mehr noch im 13. Jahrhundert ein Lesepublikum ge¬ geben, das natürlich zunächst noch sehr klein war, wie ja auch mittelalterliche Handschrif¬ ten immer für einen engen Kreis bestimmt waren7. 3 Elisabeth hat die von ihr ausgewählten chansons de geste als Geschichten der eigenen Vorzeit der Adelsgeschlechter ihrer Familie ins Deutsche übertragen. Die Texte wurden 4 Scholz, Manfred Günter: Hören und Lesen. Studien s(itrprimären Rezeption der Literatur im 12. und 13. Jahrhun¬ dert, Wiesbaden 1980, S. 89. 5 Vgl. Haubrichs, Wolfgang: „Die Kraft von franckrichs wappen. Königsgeschichte und genealogische Motivik in den Prosahistorien der Elisabeth von Lothringen und Nassau-Saarbrücken.“ in: Der Deutschun¬ terricht 43, Heft 4 (1991), S. 4-19. 6 Vgl. das Kapitel „4.2 Die Rolle der adligen Damen“ in: Backes, Martina: Das literarische Heben am kurpfälfi- schen Hof %u Heidelberg im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag %ur Gönnerforschung des Spätmittelalters, Tübingen 1991, S. 171-191, bes. S. 184 („Herpin“), 186, 188ff. Scholz: Hören und Lesen (wie Anm. 4), S. 230. 570