Die Rezeption der Prosaromane Elisabeths von Nassau-Saarbrücken - vom ‘Volksbuch’ bis zur Romantik Gerhard Sauder 1 Zur Entstehungsgeschichte der Konstanter Rezeptionstheorie gehörte die Wiederentde¬ ckung des Lesers. 1967 warb der Romanist Harald Weinrich „Für eine Literaturgeschichte des Lesers“1. Er konnte auf zahlreiche Hinweise auf diese ungeschriebene Lesergeschichte bei französischen Literatursoziologen zurückgreifen — nicht zuletzt Jean-Paul Sartre hat Aufmerksamkeit für den Leser gefordert1 2. Nach einem schnellen Aufschwung dieses For¬ schungsgebiets in den siebziger Jahren, der von der erstaunlichen Karriere der Rezepti¬ onsästhetik profitierte, ist es schon im letzten Jahrzehnt sehr ruhig geworden um den Komplex „Leser“ und „Lesergeschichte“. Das Pendel der wissenschaftlichen Interessen, um nicht von immer schneller wechselnden Moden zu sprechen, schwang zurück zu einer neuen Werkimmanenz, ob sie sich nun den „Diskursen“, den „Brüchen“, dem „Ungesag¬ ten“ oder den „Palimpsesten“ nach dem Vorgehen Foucaults, Lacans und Derridas oder aber der „Sakralisierung“ des Kunstwerks (George Steiner)3 selbst zuwandte. Eine argumentative Kritik an dem Vorschlag Harald Weinrichs „Für eine Literaturge¬ schichte des Lesers“, dem seinerzeit viele Literaturwissenschaftler zustimmten, ist meines Wissens nicht erfolgt. Wie sich allerdings früh schon die Partialität der Rezeptionsästhetik erwies, so wird man heute auch nicht mehr einer Literaturgeschichte das Wort reden wol¬ len, die allein aus der Perspektive des Lesers geschrieben wäre. Die Integration dieser Fra¬ gerichtung in eine umfassendere Methodologie von Literarhistorie wäre allerdings nach wie vor sinnvoll. Vielleicht erfährt die „Literaturgeschichte des Lesers“ in den nächsten Jahren im Horizont der zahlreichen neuen medialen Möglichkeiten eine Renaissance — die Eule der Minerva beginnt bekanntlich ihren Flug in der Kirchschen Dämmerung, wenn die Lesekultur noch weiter zurückgeht. 2 Die Rezeption der Prosaromane Elisabeths erfolgt in einer Übergangszeit, für die eindeu¬ tige Aussagen über die Dominanz des Hörens oder Lesens nicht möglich sind. Im Gegen¬ satz zu alten germanistischen Lehrmeinungen, wonach bis ins späte Mittelalter hinein Li¬ teratur vorgetragen und kaum individuell gelesen wurde, hat neuere Forschung gezeigt, 1 Zuerst in: Merkur 21 (1967), S. 1026-1038. Redigierte Fassung in: H.W.: Literatur für Leser. Essays und Auf¬ sätze zur Literaturwissenschaft, München 1986, S. 21-36. 2 Sartre, Jean-Paul: Was ist Literatur? Ein Essay [Paris 1948. Übertragen von Hans Georg Brenner], Ham¬ burg 1958. 3 Vgl. Steiner, George: Von realer Gegenwart. Hat unser Sprechen Inhalt? Mit einem Nachwort von Botho Strauß, aus dem Englischen von Jörg Trobitius, München/Wien 1990. 569