Verluste sehr schwer zu beantworten. Karl-Heinz Spiess hat in einem Aufsatz „Zum Gebrauch von Literatur im spätmittelalterlichen Adel“ zu Recht vor übertriebenen Vor¬ stellungen gewarnt,47 doch stellt sich die Frage, ob seine Position nicht zu sehr in das an¬ dere Extrem verfällt. Bei den drei illustrierten Prachthandschriften in Hamburg und Wol¬ fenbüttel, die Elisabeths Sohn Johann III. hat anfertigen lassen,48 ist davon auszugehen, daß sie als repräsentatives Statussymbol, vielleicht auch als Familien-Andenken an die lite¬ rarische Leistung Elisabeths, gegolten haben. Zugleich findet sich aber auch eine Hand¬ schrift von ,Loher und Malier* unter den Büchern der ab 1470 von Junggraf Kuno von Manderscheid ausgebauten Blankenheimer Bibliothek, die auf ältere „Versepik“ geradezu spezialisiert war.49 Kunos literarische Sammlungstätigkeit dürfte angeregt worden sein von dem Literaturliebhaber Wirich von Daun zu Oberstein (gestorben 1501), der gute Kon¬ takte zu den Höfen des Pfalzgrafen Friedrich des Siegreichen in Heidelberg und der be¬ kannten Literaturmäzenin Erzherzogin Mechthild in Rottenburg besaß.50 Von den fürstli¬ chen und hochadeligen Höfen, in denen Literatur und kostbare Handschriften hauptsäch¬ lich ein exklusives Standeskennzeichen sein mochten, führten also Verbindungen zu den ganz wenigen bibliophilen Adeligen, die bereits vor der breiteren Rezeption des Huma¬ nismus im Adel hochgebildete Literaturliebhaber und Büchersammler waren. Außer Püte- rich und dem Manderscheider könnte man Johann Werner von Zimmern nennen, für den der Schreiber Gabriel Sattler mittelhochdeutsche Texte abschreiben mußte, wobei, wie Johan A. Asher in einem Aufsatz mit dem hübschen Titel „Der übele Gerhart“ dargelegt hat, die auffälligen Textentstellungen anscheinend auf eine „gleichgültige und leicht spöt¬ tische Einstellung zu den Texten, die er kopierte“51 zurückgehen. Sattler konnte, wenn Ashers Interpretation zutrifft, die Begeisterung seines Auftraggebers für dieses alte Zeug offensichtlich nicht nachvollziehen. In solchen Kreisen nahm man nicht nur keinen Anstoß an der historischen Distanz zur Welt der alten Texte — man liebte sie gerade wegen ihrer Altertümlichkeit und Dunkelheit, 47 Spiess, Karl-Heinz: „Zum Gebrauch von Literatur im spätmittelalterlichen Adel“, in: Kultureller Austausch und Literaturgeschichte im Mittelalter, hrsg. von Kasten, Ingrid / Paravicini, Werner / Pérenec, René, Sigma¬ ringen 1998, S. 85-101. 48 Zu den Hamburger Handschriften vgl. die Farbmikrofiche-Editionen von Huge Scheppel /Königin Si- bille, München 1993 mit Einführung von Jan-Dirk Müller und Loher und Maller, ebd. 1995 mit Einfüh¬ rung von Ute von Bloh. Vgl. auch Müller, Jan-Dirk: „Späte Chanson de geste-Rezeption und Landesge¬ schichte. Zu den Übersetzungen der Elisabeth von Nassau-Saarbrücken“, in: Wolfram Studien 11 (1989), S. 206-226. 49 Vgl. Beckers, Hartmut: „Literarische Interessenbildung bei einem rheinischen Grafengeschlecht um 1470/80: Die Blankenheimer Schloßbibliothek“, in: literarische Interessenbildung, S. 5-20. 5(1 Vgl. ebd., S. 16; Backes, Martina: „Das literarische Leben am kurpfälzischen Hof zu Heidelberg im 15. Jahrhundert. Ein Beitrag zur Gönnerforschung des Spätmittelalters“, Tübingen 1992, S. 166f. Zu seiner Biographie vgl. zuletzt Flick, Thorsten: „Wirich IV. von Daun-Oberstein“, in: Heimat und Museum. Fest¬ schrift für Alfred Peth, Idar-Oberstein 1996, S. 155-180. 51 Asher, John A.: „Der übele Gêrhart. Einige Bemerkungen zu den von Gabriel Sattler geschriebenen Handschriften“, in: Festschrift für Hans Eggers, hrsg. von Backes, Herbert, Tübingen 1972, S. 416-427, hier S. 421. 527