der seinen Lebensunterhalt mit Fehden bestritt, doch darf dieser keinesfalls als der typi¬ sche Repräsentant seines Standes gelten.14 Ebensowenig wie das Anachronismus-Verdikt ist Huizingas Eskapismus-These hilfreich, die in der Ritterromantik vornehmlich die Flucht aus der grausamen Realität erkennen will. Es handelt sich um einen Einwand von irritierender Beliebigkeit,15 der in letzter In¬ stanz gegen jegliche Art sowohl fiktionaler Literatur als auch zeremonieller Formen erho¬ ben werden kann. Literatur und Ritual kompensieren nicht nur, und mittelalterliche Lite¬ ratur ist, das hat nicht zuletzt Ursula Peters klargemacht, nicht angemessen zu verstehen, wenn man in ihr hauptsächlich ein Krisenphänomen erkennen will. Ist es nicht irreführend, von einer Renaissance oder einer Wiederentdeckung des Ritter¬ tums im 15. jahrhundert auszugehen? Wenn man etwa an die von Werner Paravicini in seiner Monographie über die Preußenreisen ans Licht gebrachten Zeugnisse für die ritter¬ lich-höfische Kultur des 14. Jahrhunderts denkt,16 kann man keinesfalls von einem Dar¬ niederliegen des Rittertums sprechen. Und wenn man auf „nostalgisch“ anmutende Äuße¬ rungen1" achtet, so lassen sich bereits im 13. Jahrhundert Klagen über den Verfall des Rit¬ tertums vernehmen. Der Topos von der guten alten Zeit (laudatio temporis acti)18 hat be¬ kanntermaßen eine ehrwürdige Tradition. „Romancing the Past“< überschreibt Gabrielle 14 Es genügt ein Hinweis auf den Sammelband: „Raubritter“ oder „Rechtschaffene vom Adel“? Aspekte von Politik, Friede und Recht im späten Mittelalter, hrsg. von Andermann, Kurt, Sigmaringen 1997 und die dortige Einlei¬ tung des Herausgebers sowie auf Basterts ausführliche Darlegungen, denen ich mehr verpflichtet bin als meine Fußnoten zum Ausdruck bringen mögen: Bastert: Hof (wie Anm. 3), S. 24-39 und Derselbe: ,,‘Rit- terrenaissance’ oder Indikator des Frühabsolutismus? Zur Relevanz der Artus- und Gralepik an der Wende zur Neuzeit am Beispiel von Fuetrers Buch der Abenteuer,“ in: Jahrbuch der Oswald von Wolkenstein Gesellschaft 9 (1996/97), S. 471-488. 15 Vgl. Peters, Ursula: „Mittelalterliche Literatur — ein Krisenphänomen? Überlegungen zu einem funkti¬ onsgeschichtlichen Deutungsmuster“, in: Entzauberung der Welt. Deutsche IJteratur 1200-1500, hrsg. von Poag, James F. / Fox, Th. C., Tübingen 1989, S. 175-196, hier S. 183. 16 Paravicini, Werner: Die Preußenreisen des europäischen Adels, Bd. 1-2, Sigmaringen 1989-1995. 17 Der Begriff Nostalgie ist nicht weniger problemadsch als der Begriff Romantik. Trotzdem lesenswert: Graus, Frantisek: „Goldenes Zeitalter, Zeitschelte und Lob der guten alten Zeit. Zu nostalgischen Strö¬ mungen im Spätmittelalter“, in: Idee, Gestalt, Geschichte. Festschrift Klaus von See. Studien yur europäischen Kul¬ turtradition, hrsg. von Weber, Gerd Wolfgang, Odense 1988, S. 187-222. Für die Renaissance gebraucht den Begriff z.B.: Friedman, Jerome, The Most Ancient Testimonj. Sixteenth-Century Christian-Hebraica in the Age of Renaissance Nostalgia, Athens 1983. Albrecht Classen hat mir freundlicherweise bereits vor der Drucklegung zur Verfügung gestellt: Revitalisierung des Rittertums: Nostalgie als literarische Strategie in den Volksbüchern. 18 Vgl. nur Bumke, Joachim: Höfische Kultur. Uteratur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Bd. 1, München 1986, S. 26-29. Die ältere Arbeit von Behrendt, Martin, Zeitklage und laudatio temporis acti in der mittelhoch¬ deutschen Lyrik, Berlin 1935 ist nahezu unbrauchbar. — Zu beachten ist natürlich auch die innerliterarische Wahrnehmung von Gattungsgeschichte, etwa in jenem späten Minnesang, der sich mit der eigenen Gat¬ tung als einer Gattung der Vergangenheit auseinandersetzt; so Obermaier, Sabine: I 'on Nachtigallen und Handwerkern. Dichtung über Dichtung in Minnesang und Sangspruchdichtung, Tübingen 1995, S. 148. 520